Brückengespräche – Präsidenten und Kaiser, Kutschen, Zölle und die Wäsche

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(Foto aus der Sammlung von Meikel Dachs: Blick auf die Theodor-Heuss-Brücke, 1971 / Postkarte um 1900)

„Mama, wie heißt nochmal die Brücke, über die wir fahren, wenn wir Oma Anni besuchen wollen?“, kräht Carolin und zeigt mir ihrem Capri-Eis auf den Rhein.

„Du meinst die Brücke nach Kastel“, berichtigt Petra, die neben ihr auf der obersten Stufe der Treppe sitzt, die zum Fluss hinunterführt.

Diese Korinthenkackerei kann Carolin überhaupt nicht leiden. Unwirsch stupst sie Petra in die Seite.

„Aua!“

„Theodor-Heuss-Brücke“, antwortet Marie, Carolins Mutter. Und gleich danach: „Vertragt euch, sonst könnt ihr später nach Bretzenheim zurücklaufen.“

„Genau“, stimmt Elizabeth, Petras Mutter, ihr gut gelaunt zu.

„Warum heißt die Brücke so?“ Carolin muss ein großes Stück von ihrem Capri-Eis abbeißen, weil es in der Hitze so schnell schmilzt.

„Das war der erste Bundespräsident nach dem Krieg“, erklärt Elizabeth und setzt sich neben ihrer Tochter auf die Treppe. Ihren Rock streicht sie vorher glatt, die Beine stellt sie schräg und ganz nah aneinander auf die untere Treppenstufe.

So setzen sich die Schauspielerinnen auch immer hin, denkt Carolin.

Jetzt nimmt Marie neben ihr Platz, genauso vornehm wie Elizabeth.

„Und? Ist der immer noch dran?“ Petra beißt ebenfalls in ihr Eis.

„Nein, er ist sogar vor ein paar Jahren gestorben. Jetzt heißt unser Bundespräsident Lübke und den haben wir seit – wartet mal, von 1959 bis jetzt – also seit neun Jahren.“

„Hmmm!“ Die Mädchen sehen sich an. So wahnsinnig interessant finden sie das Thema mit ihren acht Jahre dann doch nicht.

Den frühen Nachmittag dieses sonnigen Augustsonntags haben sie im Stadtpark verbracht. Nachdem sie den Fischen und Reptilien in den Pavillons neben der Favorite sowie den Flamingos und Ziegen im Freien einen Besuch abgestattet hatten, gab es Kuchen in der Favorite. Das war schon etwas Besonderes. Carolin und Petra wären gerne noch in den Volkspark gegangen auf den Wasserspielplatz, aber das stand bei den Müttern heute nicht auf dem Programm.

Jetzt warten sie darauf, dass ihre Väter sie abholen, auf dem großen Parkplatz an der Rheinstraße, nur wenige Gehminuten entfernt. Die beiden haben heute den ganzen Tag auf dem Minigolfplatz für das nächste Turnier trainiert. Dann werden sie alle zusammen in der Ballplatzschänke Schnitzel essen. Ein guter Tag, nur das mit dem Wasserspielplatz hätte Carolin schon noch gefallen.

„Die sieht irgendwie richtig modern aus, die Brücke von dem Bundespräsidenten?“ Mit großem Bedauern beendet Petra ihr Eis. Sie steht auf, läuft zum Abfalleimer und wirft den Stiel weg. Mit wichtigem Gesichtsausdruck kehrt sie zurück, schaut vielsagend in die Runde. Hab ich das nicht fein gemacht?, steht auf ihrem Gesicht geschrieben.

Carolin stöhnt. Das kann sie auch nicht leiden. Sie legt ihren abgeleckten Stiel erstmal neben sich auf die Treppe. „So modern kann die gar nicht sein. Meine Oma hat gesagt, dass die Brücke nach Kastel gebaut wurde, als wir noch einen Kaiser hatten.“

12071751_1701914113427706_1493059159_n„Ist nicht wahr!“ Das beeindruckt Petra. „Ein Kaiser, so wie bei Sissi?“

„Die war in Österreich Kaiserin“, erklärt Elizabeth.

„Ach so.“ Ein enttäuschter Gesichtsausdruck macht sich auf Petras Gesicht breit. Da fällt ihr etwas ein. „Aber unser Kaiser hatte doch auch eine Kaiserin und die war auch so schön angezogen wie Sissi – oder …?“

In diesem Moment tutet es vom Fluss. Ein Passagierdampfer fährt vorbei. Wellen schwappen über die unteren Treppen. Das könnte ein Motiv für eine Postkarte sein: der Fluss mit Schiffen drauf unter tiefblauem Himmel – wäre der Rhein nicht solch ein Dreckbrühe.

„Wie hieß die Brücke, als der Kaiser drüberfuhr?“ Carolin springt auf und stellt sich eine Stufe tiefer, damit sie alle ansehen kann.

„Ob der Kaiser mal nach Mainz kam, weiß ich gar nicht“, überlegt Elizabeth, „aber die Brücke hieß einfach nur – Straßenbrücke …“

„Ich denke doch, dass der Kaiser Mainz irgendwann mal besucht hat. Hier waren doch schon immer viele Kasernen und so was …“ Gedankenverloren spielt Marie mit ihrer Schachtel Lord.

„Der fuhr bestimmt im Mercedes.“ Petra macht große Augen.

„Nein, Schatz“, erklärt ihre Mutter, „der fuhr in einer Kutsche mit mehreren Pferden und falls er jemals über die Straßenbrücke gefahren sein sollte, musste er keinen Brückenzoll bezahlen. Das mussten nur die normalen Leute.“

„Zoll? Häh?“ Carolin und Petra sehen sich an. Das verstanden sie nicht. An der Grenze nach Österreich fragten die Beamten immer, ob man was zu verzollen hatte.

„Ja, am Anfang der Brücke gab es so eine Art Häuschen, also auf beiden Seiten, in Mainz und in Kastel. Da mussten die Leute Gebühren bezahlen, für sich selbst, für weitere Personen, für Pferde und für Kutschen.“

„Und wo haben die Frauen gewaschen?“, fällt Petra ein.

Dafür erntet sie verständnislose Blicke von allen.

„Was meinst du damit?“, fragt Carolin.

„Na, DEINE Oma hat doch erzählt, dass die Frauen früher auf die Wäschbrigg gegangen sind, um im Rhein ihr Zeug zu waschen!“, erklärt Petra mit einem vorwurfsvollen Unterton in der Stimme. „Wie haben die das denn gemacht? Die Brücke ist ja viel zu hoch?“

„Ach ja, die Waschbrücken.“ Marie lächelt. „Das waren kleine Boote, die aber immer an einem Platz standen …“

„ … mit Bänken und solchen Holzlatten. Vom Boot aus konnte man die Wäsche im Rhein waschen …“, überlegt Elizabeth weiter.

Die beiden Frauen sehen sich an. So ganz genau scheinen sie es nicht zu wissen.

„Hmmm!“ Carolin versucht, sich das vorzustellen. Es gelingt ihr nicht so recht.

 

Bald darauf laufen sie hinüber zum Parkplatz, wo die Väter schon warten. In dieser Nacht träumt Carolin, dass sie in einer Kutsche über die Theodor-Heuss-Brücke fährt. Bei einem Mann, der aussieht wie ein österreichischer Grenzbeamter, bezahlt sie 50 Pfennige. „Auf der anderen Seite stehen Hausboote bereit. Da können Sie Ihre Wäsche waschen. Heute Nachmittag erwarten wir den Kaiser …“, erklärt der Uniformierte und nickt ihr freundlich zu.

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser.

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Ungewaschene Petersilie, Waschbrücken und der Thingplatz

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(Foto: Volkspark, ca. 1970 aus der Sammlung Meikel Mainz / Foto: Hauptbahnhof Mitte der 70er, Liborio Lee Palermo II))

„Was liegt denn da auf dem Petersilienbeet?“ Petra bückt sich und hebt das leicht bräunliche Papier hoch.

„Das ist von einer Zeitung.“ Carolin nimmt ihrer Freundin das Blatt ab. „Da steht ein Datum: 8. August 1968, also von vor ein paar Tagen.“ Sie demonstriert gerne, wie gut sie schon lesen kann. „Richard N-i-x-o-n, steht da, und: P-r-ä-s-i-d-e-n-t.“ Die Worte kann sie allerdings nur mit Ach und Krach entziffern.

Beide sehen sich ratlos an. Petra zuckt die Achseln, nimmt Carolin das Papier weg und wirft es in den Abfalleimer, der ganz in ihrer Nähe am Gartenzaun steht.

„Gehen wir nachher noch auf den Spielplatz?“

Bedauernd schüttelt Carolin den Kopf. „Ich werde bald von meiner Mama abgeholt. Wir gehen zum Thingplatz.“

„Thingplatz? Kenn ich nicht.“ Petra schüttelt unwillig den Kopf. „So was gibt es in Mainz nicht.“

„Doch.“ Carolins Stimme klingt gepresst. Sie ist vor dem Petersilienbeet in die Hocke gegangen und zieht jetzt mit aller Kraft an einer Pflanze. „Geht gar nicht so einfach raus“, stöhnt sie. Schließlich schafft sie es, eine Pflanze mit den Wurzeln auszureißen. Durch den Schwung wackelt sie in ihrer ohnehin instabilen Position und fällt nach hinten auf den Po. „Au!“ Die kleinen Kieselsteine pieken. Bei diesen heißen Temperaturen trägt sie nur ein kurzes Sommerkleid, eines mit orangefarbenen großen Blumen, das sie zu ihrem achten Geburtstag bekommen hat. Sachen zum Anziehen sind ja keine ganz richtigen Geschenke so wie Spielsachen, aber immerhin sind Kleider noch besser als Strumpfhosen oder Unterhosen oder Socken …

Petra lacht. „Gib mir was ab und erklär mir das mit dem Thingplatz.“

Unbeholfen steht Carolin auf, reibt sich mit der einen Hand den Oberschenkel. Mit der anderen hält sie Petra die Petersilie hin. An den Wurzeln hängt noch Erde. „So wie ich meine Tante verstanden habe, gehört der Platz im Volkspark, der so ähnlich wie ein Spielplatz ist, aber mit Wasserbecken, zum Thingplatz. So ganz genau hab ich es auch nicht verstanden.“

„Ach und da fahrt ihr gleich hin?“ Petra zieht eine Brutsche.

„Ja, leider. Meine Tante und meine Kusine holen meine Mama ab. Dann kommen sie her und dann muss ich mit …“, erklärt Carolin mit Bedauern.

Dann stopfen sie sich gleichzeitig die Petersilie in den Mund. Es knirscht. Sie kneifen die Augen zusammen, weil es nach einer Weile bitter schmeckt. Dann lachen sie so lange, bis ihnen der Bauch wehtut.

„Auch Schnittlauch?“, prustet Petra.

„Klar!“ Carolin schluckt die letzte Petersilie runter. Ihre ganze Zunge bitzelt.

Petra zieht ein ähnliches Gesicht. Beide wissen: Beim Schnittlauch wird es noch schlimmer. Der schmeckt nämlich fast wie ne Zwiebel, brennt auf der Zunge und nach einer Weile kommen einem die Tränen.

„Robbd iä schunn widdä de Schniddlauch eraus?“ Aus einem Fenster des Nachbarhauses keift die alte Frau Schmidt. Dabei droht sie ihnen mit dem rechten Zeigefinger. „Isch sach´s deuner Oma, Carolin!“

In diesem Moment kommt Marie, Carolins Mama, durch die Tür des Reihenmiethauses, in dem ihre Oma wohnt. – Diese Tür zum Garten hin liegt im Kellergeschoss des Hauses und ist eigentlich die Hintertür. Marie geht die wenigen Stufen hinauf, dreht sich dann zu Frau Schmidt um und sagt ganz freundlich: „Was die Kinder in DIESEM Garten machen …“ Sie beschreibt mit dem ausgestreckten rechten Arm einen Halbkreis. „ … der zu DIESEM Haus gehört …“ Damit zeigt sie auf das Haus, aus dem sie gerade gekommen ist. „…geht Sie überhaupt nichts an.“ Dann winkt sie die Kinder zu sich.

Frau Schmidt schimpft vor sich hin, brabbelt irgendetwas, knallt dann ihr Fenster zu. Meine Mama, denkt Carolin und das Herz geht ihr auf.

Die beiden Mädchen nehmen die Beine in die Hand und stürmen los.

„Na, ihr habt ja wieder Dreck um den Mund.“ Marie lächelt. In der Hand hält sie die bunte Schwimmbadtasche.

Carolin und Petra wischen sich über die Schnuten.

„Petra, ich habe deine Mama gefragt. Du kannst mitkommen. Deinen Bikini und ein Handtuch hat sie mir gegeben. Wir fahren mit meiner Schwester und meiner Nichte zu dem Wasserspielplatz im Volkspark.“

„Oh ja!“ Petra und Carolin freuen sich. Sie sind nun mal beste Freundinnen.

Gemeinsam gehen sie zurück ins Haus, treten ins Souterrain ein. Die Kühle ist eine Wohltat. Die Tür zur Waschküche steht auf. Bedauernd schauen sich die beiden Mädchen an. Wäre Carolins Mama nicht dabei, würden sie die Gelegenheit nutzen und in diesen magischen Raum schlüpfen, was strengstens verboten ist.

Carolin läuft ein wohliger Schauer über den Rücken. Petras Gesichtsausdruck nach zu urteilen, geht es ihr ähnlich. Bei den heißen Temperaturen, die gerade herrschen, ist der Gedanke nicht so verlockend, aber wenn es kälter ist, sieht Carolin ihrer Oma leidenschaftlich gern dabei zu, wie sie mit einem gigantischen Stock in einem eisernen Topf rührt, der ihr bis zur Taille reicht. In diesem geradezu monströsen Gefäß schwimmen Kleider in heißer Waschlauge herum. Das Wasser blubbert, Dampf steigt auf und erfüllt den ganzen Raum. Ihre Oma redet dann manchmal darüber, wie es früher war. Bei einer solchen Gelegenheit erzählte sie Carolin einmal, dass die Frauen früher ihre schmutzigen Kleider auf einer „Wäschbrigg“ im Rhein mit der Hand gewaschen haben.

Als die beiden hinter Marie die Treppe zum Erdgeschoss hinaufgehen, knufft Petra Carolin in den Arm und nickt zur Seite. Da befindet sich nämlich die „Grusel-Nische“, ein weiterer geheimer und magischer Ort. Der winzige, niedrige, dunkle Platz liegt genau unter der Treppe, die vom Eingangsbereich zu den Wohnungen im ersten Stock führt. Dort kauern sie sich manchmal hin, wohlwissend, dass man ihnen im Fall der Entdeckung die Ohren lang ziehen wird. Das Vergnügen besteht darin, im Dunklen zu hocken und darauf zu lauschen, ob jemand im Treppenhaus unterwegs ist. Dann wird gebibbert, aber gleichzeitig gehofft, dass diese Person in den Keller oder die Waschküche geht. In der letzten Phase des Grusel-Abenteuers klammern sie sich aneinander, halten den Atem an: Werden sie entdeckt oder nicht?

Auch das können sie jetzt nicht machen. Sie müssen zum Thing-Dingsda.

 

Im VW-Käfer von Tante Hilde quetschen sich Carolin und Petra, zusammen mit Carolins gleichaltriger Kusine Stephanie auf den Rücksitz. Weil der Kofferraum voll ist und Marie auf dem Beifahrersitz schon ihre Badetasche auf dem Schoß hält, haben die Mädchen einen riesigen Korb mit Kartoffelsalat, belegten Broten und etwas zu trinken auf den Knien. Den schieben sie unwillig hin und her. In dem vollen Auto ist es mehr als kuschelig. Alle schwitzen, obwohl die beiden vorderen Fenster zur Hälfte runtergekurbelt sind. Was hereinbläst ist heiß und trocken, schmerzt in den Augen.

„Da machen wir uns aber einen schönen Nachmittag“, ruft Tante Hilde gut gelohnt.

Immer wieder ruckelt der Wagen. Tante Hilde hat den Führerschein noch nicht so lange. Sie ist die einzige Frau, die Carolin kennt, die Autofahren kann.

„Mama, hast du Sunkist eingepackt?“, kräht Stephanie und schiebt den Korb etwas mehr nach links auf Petras Knie. Petra hat den Hauptgewinn gezogen, sie sitzt in der Mitte der Rückbank.

„Natürlich“, zwitschert Tante Hilde und kuppelt.

Alle gehen mit den Oberkörpern nach vorne. Marie stöhnt leise. Ihr wird leicht schlecht.

„Könnten wir schon eine haben?“, fragt Carolin vorsichtig.

„Auf keinen Fall, mein Schatz.“ Tante Hilde lacht.

Liborio Lee Palermo II, 1978b

Viel geredet wird nicht mehr, denn so eine Fahrt von Bretzenheim nach Weisenau ist fast eine Reise, aufregend und atemberaubend. So oft macht man das nicht, höchstens am Sonntag mit den Papas. Mit Bus und Straßenbahn dauert es ewig. Man fährt entweder mit der 8 oder der 13 und nimmt dann ab Hauptbahnhof die Linie 22. Die drei Mädchen halten den Korb fest und hängen ihre Nasen in den Fahrtwind.

Etwas später legen sie kichernd ihre Handtücher auf den Rasen im Volkspark. Marie und Hilde halten Tücher hoch, damit die Mädchen sich ihre Bikinis anziehen können.

„Was für ein Haus!“ Stephanie ist restlos fasziniert von dem Hochhaus, das in einiger Entfernung wie ein Wächter in den tiefblauen Himmel ragt.

Ja, solche gibt es nicht so oft. Nach einer Sunkist zur Stärkung laufen die Mädchen zu den Wasserbecken, während Marie und Hilde in ihren Sommerkleidern, mit Sonnenbrillen und –hüten auf einem Mäuerchen sitzen und sich unterhalten.

Mit vielen anderen Kindern und unter immensem Geschrei balancieren Carolin, Petra und Stephanie über den gezackten Rücken der Drachenschlange, klettern die Stufen zur Rutsche hinauf, sausen hinunter und kreischen, wenn sie im Wasserbecken ankommen …

Thing-Dinsda oder wie auch immer – das hier ist das wahre Leben!

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser.

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Die Bewerbung für die Leserunde auf Lovelybooks läuft noch bis 10.7.. Die ausgelosten Teilnehmer erhalten ein Taschenbuch.

 

 

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Sommer 1972: Stadtpark-Idylle und Brückengeheimnisse

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(Fotos aus der Sammlung Meikel Mainz: Stadtpark 1972 / Blick auf die Favorite 1970 / Bau der Alexander-M.-Patch-Brücke, 1945)

 

„Beeil dich, Bettina!“ Ungeduldig trippelt Carolin von einem Fuß auf den anderen. „Ist dringend.“

„Ja, ich versteh schon.“ Bettina legt einen Schritt zu.

Die beiden Mädchen laufen zügig, werden immer schneller.

„Dass es auf dem Minigolfplatz kein Klo gibt, ist echt Mist“, stöhnt Carolin.

„Das kannst du laut sagen. Der Weg zur Favorite ist ganz schön weit.“

Jetzt rennen sie, denn beide verspüren ein dringendes Bedürfnis. Sie fliegen über die Brücke zwischen Volkspark und Stadtpark, vorbei am Vogelhaus, aus dem die übliche Kakophonie ertönt, hinunter in Richtung Rhein, erreichen völlig außer Atem die Favorite. Nun wird es höchste Zeit.

Volkspark, Stadtpark, 1970, 4

Nur kurze Zeit später stehen sie am Geländer unterhalb der Favorite und schauen auf den Fluss. Entspannt blinzeln sie in die Julisonne. Hinter ihnen auf den Bänken sitzen ältere Herrschaften und genießen den schönen Tag.

„Ist bisschen wie im Urlaub.“ Bettina wendet ihr Gesicht der Sonne entgegen.

Sie hat recht. Der Mainzer Stadtpark strotzt vor Blumen, ist erfüllt von deren Duft. Bäume flankieren Beete und Wege. Vogelgezwitscher, hin und wieder kurze, schrille Schreie von den Pfauen in den Gehegen weiter hinten. Unter ihnen schimmert der Rhein tiefblau, darauf einige Schiffe – wie Perlen.

„Wie alt wirst du nochmal?“, fällt Bettina ein.

Irritiert sieht Carolin sie an.

„Ich bin ja dieses Jahr zum ersten Mal bei deinem Geburtstag“, beeilt sich, Bettina zu erklären. „ Wir sind zusammen im Minigolfverein, gehen aber nicht in eine Klasse. Ich bin nicht so genau über dein Alter informiert.“

„Ah!“ Das sieht Carolin ein. „Ich werde übermorgen zwölf.“

„Dann bis du 1960 geboren. Das ist praktisch. Da kannst du immer leicht rechnen.“

Darüber müssen beide lachen, wenden sich dann wieder dem idyllischen Bild vor ihnen zu.

„Ebsch Seid“, sagt Carolin verträumt.

„Ja, sieht aber trotzdem schön aus.“

Ein Dröhnen stört die sommerlichen Hintergrundgeräusche. Sie zucken zusammen, sehen sich alarmiert an.

„Da fährt ein Zug über die Eisenbahnbrücke“, erklärt Bettina, geradeso als ob das nötig wäre.

„Da hab ich immer das Gefühl, dass alles in der Nähe irgendwie wackelt.“ Dann fällt Carolin noch etwas ein und sie fügt leiser hinzu: „ Die Brücke finde ich irgendwie gruselig.“

Bettina rückt näher, flüstert ebenfalls: „Wenn man drüberläuft, kann man unten den Rhein sehen. Da wird mir immer schlecht.“

„Noch schlimmer ist es, wenn dann gerade ein Zug drüberrattert. Dann bebt erstrecht alles.“

„Und der Turm am Anfang …“ Bettina reißt die Augen weit auf. „Ich hab früher immer gedacht, dass da etwas ganz Geheimnisvolles drin wäre. Später war ich felsenfest davon überzeugt, dass dort eine Hexe wohnt.“

Das versteht Carolin sofort. Sie sind zwar beide schon fast Jugendliche, aber gruseln können sie sich immer noch. Natürlich kann man das nicht jedem erzählen, ist Vertrauenssache. Carolin denkt noch mit einem wohligen Schauer über Hexen nach, als Bettina ihr lachend auf den Oberarm schlägt.

„Und weißt du was?“ Bettinas Heiterkeit zerstört die schaurig-schöne Stimmung. „Da wohnen ganz normale Leute drin. Und die haben einen Sohn, der ist mit meinem Cousin befreundet.“

Zack – die ganze wohlige Magie ist im Eimer. „Och!“ Mehr kann Carolin dazu nicht sagen. Enttäuscht wendet sie sich wieder dem Rhein zu. Ihr Blick fällt auf die Brücke, die in einiger Entfernung in der anderen Richtung gut zu erkennen ist. „Die Theodor-Heuss-Brücke hat nix Geheimnisvolles“, sagt sie bedauernd.

„Ja, aber weiter hinten, da am Kaisertor, da gab es früher noch eine.“ Wieder macht Bettina große Augen. Ihre Stimme klingt beschwörend.

13522432_257648524591674_1690910848_n„Kaisertor?“ Als Bretzenheimerin kennt Carolin sich nicht ganz so gut aus wie Bettina, die in der Uferstraße wohnt.

„Ja, der Bogen, da unten am Rhein, an der Stelle, wo die Kaiserstraße in die Rheinallee mündet.“

„Ach so.“ Den kennt Carolin. Da gibt es ein Restaurant, das sie zusammen mit ihren Eltern öfter besucht. Dort hat sie erste Lasagne und die erste Cannelloni ihres Lebens gegessen. Am Anfang haben sie und ihre Eltern sich an den ungewohnt heiß servierten Gerichten regelmäßig den Mund verbrannt. Mittlerweile aber wissen sie Bescheid. „ Da ist keine Brücke“, erwidert sie gelangweilt.

„Nein, ich hab doch auch gesagt, dass da mal eine WAR, früher“, erklärt Bettina mit Nachdruck. Es klingt leicht genervt. „ Die haben die Amerikaner nach dem Krieg gebaut. In Kastel sieht man da, wo die Brücke endete, heute noch Gebäude rumstehen, die so aussehen, als wäre da mal so eine Art kleiner Bahnhof gewesen.“

„Wahnsinn!“ Das interessiert sie jetzt aber doch und Carolin nimmt sich vor, ihre Oma danach zu fragen. Die weiß über solche Sachen Bescheid. Also – das mit dieser Brücke nach dem Krieg, kommt ihr auch, irgendwie, geheimnisvoll vor …

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser.

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Fassenacht 1969: Ribanna fährt lieber Auto

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(Foto „Postkarte von 1961“ aus der Sammlung Meikel Dachs. Sonstige Fotos: H.D. Schütz, Mainz)

Ihre Knie wackeln immer noch. Carolin fährt gerne Riesenrad, aber wenn es stoppt und man gerade ganz oben festhängt, über dem Rhein … also das ist schon irgendwie unheimlich. Und  genau das ist passiert, als sie mit ihrem Papa gerade in der Gondel saß. Seitdem ist ihr ein bisschen schlecht.

Ungehalten ist sie auch, weil sie gerne mit der gelben Eisenbahn am Fischtorplatz gefahren wäre. Wenn das Bähnchen parallel zum Rhein entlangtuckert, kann man das Riesenrad gut betrachten und sich dabei ein bisschen gruseln …

 

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Aber ihr Vater hat offensichtlich andere Pläne. Zielstrebig läuft er Richtung Dom. Als zwei kleine Cowboys knapp vor ihr über den Weg purzeln, dabei die Pistolen schwingen und „Peng, Peng!“ schreien, schwingt sie ihren Tomahawk. Dabei wirft sie den Bleichgesichtern einen bösen Blick zu.

Mit einem Mal fällt ihr etwas ein, was sie schon die ganze Zeit fragen wollte: „Wann war ich denn das erste Mal auf dem Rosenmontagszug?“ Carolin muss fast schreien, denn am Fastnachtsonntag ist auf der Mainzer Kerb natürlich einiges los.

Ihr Papa bleibt stehen, hält ihre Hand dabei ganz fest und überlegt. „Ich glaube, das war 1961. Du warst knapp ein Jahr alt. Da standen wir das erste Mal bei Krugs auf dem Balkon in der Kaiserstraße und guckten uns den Zug an.“ Er lacht und freut sich, dass ihm das eingefallen ist.

„Also, daran kann ich mich ja nicht erinnern.“ Aber, wenn ihr Papa das so erzählt, wird es schon stimmen. Es kommt auch hin, denn seit Carolin denken kann, besuchen sie am Rosenmontag die Familie Krug, um vom Wohnzimmerfester aus den Zug zu betrachten. Das ist praktisch, denn man friert nicht und muss auch nicht die ganze Zeit glotzen. Morgen, am Rosenmontag wird sie Tante Gerda sicherheitshalber fragen, ob das stimmt, was Papa gerade erzählt hat.

Sie gehen ein Stück weiter. Die Töne von Margit Sponheimers Gell, du hast mich gelle gern gehen in Heintjes Heidschi Bumbeidschi über. Ein weiblicher Clown mit roter Nase hält sich an einem Seemann fest und kichert. Eine kleine Prinzessin in Rosa heult, weil ihr Luftballon gerade davonfliegt. Carolin rümpft die Nase. Luftballons braucht sie nicht mehr, sie wird ja schon bald neune. Obwohl – so einer, der aussieht wie Micky Mouse … Sie schlängeln sich an einer Reihe von Männern in geringelten Schlafanzügen vorbei, die schunkeln und dabei grölen: Am Rosenmontag bin ich gebo-o-ren …

Jetzt ist die leichte Übelkeit verflogen. Carolin hat Lust auf eine Bratwurst, und danach was Süßes. Mit vielen anderen überqueren sie und ihr Papa die Rheinstraße. Es wird gelacht, geschossen, gesungen … Und es duftet …

Da gibt es doch bestimmt gleich wieder einen Stand mit Bratwurst. Ganz verdutzt ist Carolin, als ihr Vater vor dem „Ponyreiten“ stehen bleibt. Was soll denn das?

„Du bist ja eine Squaw“, sagt er gut gelaunt. „Die reiten doch über die Prärie.“

„Ich bin Ribanna“, erklärt Carolin kläglich. Das ist ihr wichtig, denn Winnetous große Liebe ist ihre Lieblingsindianerin. Deshalb hat sie auch ein Kostüm ausgesucht ohne so ein besticktes Oberteil. Dann könnte man sie nämlich für Nscho-tschi halten, Winnetous Schwester und Old Shatterhands große Liebe. Das will sie aber nicht.

„Sieh nur, die Ponys werden geführt.“

„Ach!“ Mit einem Schlag wird Carolin nervös. Auch das noch. Pferde, Pony, Reiten … Das ist so gar nicht ihr Ding. Die Fastnachtstage sind eh schon so aufregend. Und gestern, am Samstag hat ihre Klasse am Jugendmaskenzug teilgenommen. Gemäß dem Motto des Zuges Määnzer Sprüch´ un Ausdrück lief sie mit ihren Klassenkameraden Helau rufend und winkend durch die Stadt, um den Hals ein Plakat mit der Aufschrift Weck, Worscht un Woi.

Vor lauter Aufregung vor dem großen Tag hatte sie in der Nacht zum Samstag kaum geschlafen. Und weil sie nach dem Umzug noch komplett unter Strom stand, war die letzte Nacht kaum besser gewesen.

„Ja“, erklärte ihre Oma am Morgen beim Fleischwurst-Frühstück: „So was bleibd nidd in die Kleidä schdegge …Do sinn die Kinnä mied…“

Ganz gegen ihre Gewohnheit bekam Carolin kaum etwas runter. Dazu der Kommentar ihrer Oma: „Ess fä de Hungä, der kimmd …“

Jetzt steht sie hier und soll eine Runde auf einem Pony reiten, das dieser alte Mann führen wird. Bei dem Gedanken macht sie sich fast in die Hose. Reiten! Nee! Sie sieht sich um und entdeckt etwas: Gegenüber können Kinder Auto fahren. Die Autos laufen lustigerweise in solchen Spuren wir die kleinen Wagen der Carrera-Rennbahn von ihrem Freund Heinz. Mit ihm spielt sie ganz oft Autorennen. Carolin nimmt immer den Jaguar, weil sie den am besten erkennt, an der Form. Sie deutet zu den Autos: „Ich will aber das da fahren.“

„Das machen wir danach.“ Fröhlich schleppt ihr Papa sie zum Schalter.

Ruckzuck ist ein Ticket gekauft. Carolin wird auf ein Pony gehievt. Das stinkt. Ein alter Mann mit Kappe nickt ihr zu und los geht es. Sie wackelt auf dem Tier hin und her, versucht, Haltung zu bewahren, traut sich nicht, die Zügel loszulassen, um sich an der Stirn zu kratzen. Die Perücke sieht zwar toll aus, juckt aber unerträglich.

Am Rosenmontag bin ich geboren … schallt es – und ein paar Pony-Schritte weiter: Mathilda, Mathilda 

Als sie endlich von dem Pony heruntergehoben wird, ist sie den Tränen nahe. Erschrocken sieht ihr Vater sie an. „Hat dir das keinen Spaß gemacht?“

„Nicht so richtig.“ Sie schnieft und wirft ihm diesen ganz besonderen Blick zu. Aus Erfahrung weiß sie,  dass es geschickt ist, so zu gucken. Bei ihrer Mama wirkt es nicht so gut, bei ihrem Papa sehr wohl.

vlcsnap-2016-06-03-17h38m11s510Ratzfatz kriegt Carolin ihre Bratwurst und eine Bluna. Danach gibt es noch eine Tüte Süßigkeiten.  In einem blauen Mercedes Cabrio fährt sie schließlich in dieser Spur so wie die Autos auf der Rennbahn von Heinz. Drafi Deutscher schmettert: Marmor, Stein und Eisen bricht … Lässig legt sie sich in die Kurve.

 

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser

Calling USA von Paula Dreyser

 

Das Goldstein früher und heute oder – zwei Zigarettenlängen für eine Zeitreise

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Wie eigenartig!“ Kopfschüttelnd zieht Katharina an ihrer Zigarette. “So – gepflegt.“

Alle drei schauen sich verdutzt an, bevor sie loslachen.

Hier draußen ist es aber in etwa noch so wie früher, davon abgesehen, dass es keine Bänke und langen Tische mehr gibt. Außerdem ist es natürlich viel ordentlicher und sauberer“, wirft Sophie ein.

Das versiffte Klo ist weg“, meldet sich Paula zu Wort. „Und da drüben, links vom Eingang, wo man auf die Schönbornstraße sieht, standen früher keine Tische. Da lungerten wir herum, versuchten verzweifelt, cool rüberzukommen und glotzten ständig auf die Straße, in der Hoffnung, dass sie endlich auftauchen würden.“

Auf den Gesichtern der drei Frauen breitet sich ein wehmütiges Lächeln aus.

Aber die Kastanienbäume, die Atmosphäre und irgendwie – die Luft … wie früher“, fügt Paula schließlich hinzu.

Na ja, im April riecht es eben schon langsam nach Frühling“, erklärt Sophie grinsend. „Früher gab es hier aber noch ganz andere Gerüche: Bierdunst, Wein, Zigarettenqualm …“

Ja, alle haben geraucht. Kippen waren salonfähig.“ Katharina hält ihre Zigarette hoch und schmunzelt. „Da habt ihr auch noch geraucht und keiner musste nach draußen gehen, um eine zu qualmen.“

 

Am Eingang zum Lokal raschelt es. Sie drehen sich um. Der smarte, grauhaarige Kellner tritt aus dem Restaurant in den Biergarten, setzt sich ganz in der Nähe auf einen Stuhl und zündet sich ebenfalls eine Zigarette an. Freundlich nickt er ihnen zu. „Bald können die Gäste draußen sitzen. Letzten Samstag war es so mild, dass einige Herrschaften es ziemlich lange im Freien ausgehalten haben“, sagt er gutgelaunt.

Der Biergarten war eigentlich immer der Renner.“ Paula kann es sich nicht erklären, aber mit einem Mal wird sie redselig gegenüber diesem Fremden. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass sie sich unbedingt näher mit dem Mann befassen sollte. „Wissen Sie, wie es hier im Goldstein zuging, in den späten 70ern, so 76 bis 78?“

Ja, selbstverständlich.“ Der Mann grinst. „Da war hier de Deibel los! Viele Amis. Klasse Musik. Super Stimmung. Gitarrenspieler unter den Kastanienbäumen. Bier aus Flaschen. Klos, die man am besten mit Gummistiefeln betrat. Kult!“ Kurz überlegt er, fügt dann hinzu: „Aber im Vergleich zu den 60ern war es da schon deutlich ruhiger, zumindest was Schlägereien mit Amerikanern angeht.“

Eine Wahnsinnsstimmung, untermalt von Dark Side Of The Moon und 99 Luftballons.“ Sophie verdreht die Augen.

Ground Control To Major Tom.” Katharinas Wangen beginnen, sich zu röten.

Dadada“, japst Paula.

Wenn 500 Miles gespielt wurde, haben die Amis mitgesungen, einige mit Tränen in den Augen.“ Jetzt steht der Kellner auf und gesellt sich zu ihnen.

Die Frauen strahlen ihn an. Alle vier wechseln vielsagende Blicke miteinander. Sie bilden eine verschworene Gemeinschaft, die Gemeinschaft derer, die in ihrer Jugend im Goldstein unterwegs waren. Eine Gemeinschaft auf Zeit, auf sehr kurze Zeit, die aber in diesem Moment, an diesem Ort funktioniert.

Langsam dämmert es. Die Blätter der beiden mächtigen Kastanienbäume, deren Kronen sich wie ein lockeres Dach über den Biergarten wölben, rascheln geheimnisvoll. Oder flüstern sie? Hast du etwas Zeit für mich …

Fast erwartet man, dass junge Leute hereinkommen, um es sich gutgehen zu lassen, trinkend, lachend, rauchend. Take Your Protein Pills And Put Your Helmet On …

Paula stutzt, reibt sich die Augen. Hinter den ordentlichen Tischen und Stühlen auf gepflegtem Kies scheint sich eine Spalte in der Wirklichkeit aufzutun. Sie wird größer und gibt den Blick frei auf einfache Bänke, voll besetzt mit jungen Leuten, Deutschen und Amerikanern, an langen Tischen.

Schon am Kirschgarten war die Musik manchmal zu hören, auf jeden Fall aber dann, wenn man am Bluhm vorbeilief.“ Der Kellner grinst. „Übrigens – ich heiße Paul.“

Paula.“ „Sophie“. „Katharina.“

Man fing an zu schweben, sobald die Musik zu hören war …“

Stimmt, Sophie.“ Katharina lächelt vor sich hin. Alle anderen nicken. „Man war auch irgendwie elektrisiert …“

Peter Frampton!“ Genüsslich bläst Paul den Rauch aus.

Paula kommt es so vor, als wehten Klänge von der anderen Seite des Zeit-Spaltes herüber: Show Me The Way, Everyday …

Songs von Peter, Paul and Mary sind heute noch meine Favoriten“, erklärt Paul. Ganz weich klingt seine Stimme.

Da macht es Klick bei Paula. „Du warst also in den späten 70ern hier? Kannst du – Gitarre spielen?“ Mit einem Mal ist sie sehr aufgeregt.

Das springt auf Katharina und Sophie über. Sie haben eine Ahnung, um was es gehen könnte.

Paul sieht von einer zur anderen, mit gefurchter Stirn, lächelt schließlich. „Ich saß mit meinen Kumpels unter einem der Bäume, spielte Gitarre und wir sangen dazu.“

Ist ja ein Ding!“ Sophie lacht auf.

Hannes Wader …!“ Katharina sticht mir ihrer fast aufgerauchten Zigarette Löcher in die Luft.

„… ja, da war einer dabei, der konnte Hannes Wader gut imitieren“, frohlockt Sophie.

Heute hier morgen dort! Mensch, du warst einer der Typen, die hier Gitarre spielten“, jubelt Paula.

Jetzt ist es so, als würden sie sich schon ewig kennen, seit ihrer Jugend – sozusagen …

Für unsere musikalischen Einlagen gab es freie Getränke vom Wirt.“ Paul genießt die Aufmerksamkeit und Begeisterung seiner neuen alten Bekannten.

Ihr habt auch Lieder von Donovan gesungen und von Bob Dylan.“

Genau, Katharina. Einer meiner Kumpel konnte prima Mundharmonika spielen.“

Knock, knock, kockin´ On Heaven´s Door …”

Erstaunt blicken alle auf Katharina, die sich ganz leicht in den Hüften wiegt und Dylans Hymne vor sich hin summt.

Der Wirt vom Goldstein, den habe ich ein paar Jahre später in der Lebensmittelabteilung der Quelle am Brand gesehen. Das war ganz komisch.“

Ja Paula, das kann ich mir vorstellen. Leute, die zu der Freitag- und Samstagabend-Magie im Goldstein gehörten, im wirklichen Leben zu treffen – merkwürdig.“ Sophie seufzt. „Mann, hier gingen aber auch interessante Typen ein und aus. Gab es da nicht so einen riesigen, immer schwarz gekleideten Mann mit Narben an den Beinen?“

Stimmt!“ Katharina zündet sich direkt die nächste Zigarette an, nachdem sie auch Paul eine angeboten hat, der dankend annimmt. „Es gab Gerüchte darüber, dass der KGB ihn gefoltert hätte. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es wurde immer wieder behauptet.“

Betretenes Schwiegen. Auf der anderen Seite der Zeit-Spalte beherrscht ein großer, schwarzgekleideter Mann die Szene.

Drinnen, in der Ecke in der Nähe von dem altmodischen Ofen saß oft ein, na ja, Obdachloser“, fällt Paula ein. „Der hatte Krücken.“

Der Berber-Jupp“, erklärt Paul sofort. „Langer Rauschebart, sprach fließend Französisch, las viel. Wir haben ihm immer mal was zum Lesen mitgebracht, Taschenbücher, Westernhefte. Er mochte alles.“

Er sprach fließend Französisch?“ Das interessiert Katharina.

Er war in französischer Kriegsgefangenschaft gewesen.“

Andächtiges Schweigen folgt. Aus dem Spalt winkt ein ziemlich verwahrloster, bärtiger Mann mit einem Buch: Das siebte Kreuz.

Die Polizei kam ziemlich oft.“

Katharinas Bemerkung bringt Paula irgendwie in Fahrt. „Da mussten Sophie und ich uns verdünnisieren. Wir waren noch keine achtzehn und durften nach 22.00 Uhr gar nicht mehr in Kneipen unterwegs sein.“

Man konnte sich in Richtung Zitadelle verziehen …“

Nee Paul, da guckte die Polizei als Nächstes. Da wurde nämlich gerne was Anderes geraucht als nur Zigaretten …“ Wieder sticht Katharina mit ihrer Zigarette Löcher in die Luft.

Allgemeines Grinsen.

Paula erkennt verschwommen vier GIs in dem Zeit-Spalt. Die jungen Männer stehen schwankend auf einem Tisch, von dem aus sie den Stamm von einem der Kastanienbäume erreichen können. Unter Kichern hieven drei leicht torkelnde Amerikaner den vierten nach oben. Schwerfällig und prustend vor Lachen schafft der es auf den untersten Ast. Guys, I made it!, schreit der im Baum, rutscht sofort nach vorne und schmiert ab – zurück auf den Tisch. Paula überlegt, ob sie diese Erinnerung mit den anderen teilen soll, aber Paul kommt ihr zuvor, mit einem gänzlich anderen Thema.

Auch der Erwin war manchmal hier.“

Erwin Tinz, oder?“ Katharina furcht die Stirn. Sie und Paul nicken sich zu, als würden sie ein Wissen teilen.

Klärt ihr uns auf?“ Ungeduldig zuckt Sophie mit den Schultern.

Ein bekannter Stadtstreicher, ein Mainzer Original. War dafür bekannt, dass er zeitweilig aggressiv wurde. Dann hat er auch schon mal die Leute vor dem Theater angepöbelt. Er fiel dadurch auf, dass er sein Zeug in einem Kinderwagen oder Einkaufswagen durch die Gegend fuhr …“

Als Paul eine Pause macht, übernimmt Katharina: „Polizisten sammelten ihn ein, im Dezember, als er wieder mal krakeelte und randalierte. Dann fuhren sie ihn nach Nackenheim in die Weinberge und setzten ihn aus. Da starb er an Herzversagen.“

Betroffene Gesichter. Die Leichtigkeit des Augenblicks verfliegt.

Ja, darüber gab es sogar einen Artikel im Spiegel“, sagt Sophie leise. „Aber das war nach unserer Goldsteinphase …“ Sie wirft erst Paula, dann Katharina einen vielsagenden Blick zu. „… Das ist 1980 passiert, kurz vor oder nach dem Mord an John Lennon.“

Schweigen. Die Zeitreise endet. Die Gemeinschaft beginnt, sich aufzulösen.

Paulas Spalte wird dunkel und schließt sich. Die Erinnerungen ziehen sich zurück wie Rauchschwaden. Was bleibt ist das Goldstein im Jahre 2015 – ein gepflegtes Lokal mit Biergarten in der Mainzer Altstadt.

Schlimme Sache …“ Paul drückt seine Zigarette an einem großen Blumentopf aus, wirft die Kippe aber nicht weg. „Ladies, es war mir eine Freude, aber jetzt muss ich wieder an die Arbeit.“

Ja, wir gehen auch wieder rein. So lange wollten wir gar nicht draußen bleiben“, sagt Sophie.

Wir brauchten halt zwei Zigarettenlängen…“ Katharina grinst.

„…für unseren kleinen Ausflug in die Vergangenheit.“

Nach Paulas Schlusswort gehen sie zurück ins Lokal, in guter, aber auch etwas wehmütiger Stimmung. Ja, wie man es auch dreht und wendet, es hat sich so einiges verändert …

Die Blätter wispern: Und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war …

 

(Geschichten aus Mainz, früher und heute, von Paula Dreyser. Mit Dank an die Mitglieder verschiedener Facebook-Gruppen, die ihre Erlebnisse und Erinnerungen an das Goldstein mit mir geteilt haben.)

Calling USA“, Roman von Paula Dreyser, eine „deutsch-amerikanische“ Geschichte im Mainz der späten 70er-Jahre

  • überall im Buchhandel, vorrätig bei Buchhandlung Exlibris in Bretzenheim, Shakespeare und so in der Gaustraße, Dombuchhandlung
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Nostalgie auf dem Rebstockplatz oder – Erinnerungen an einen Einkaufswagen

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Foto aus der Sammlung von Meikel Dachs.

 

Wie schade! Da waren früher das Rex – und das Bambi. Ich erinnere mich an eine Ferienvorstellung Anfang der siebziger Jahre. Einer meiner Schulkameraden aus der Anne-Frank-Schule kam an günstige Eintrittskarten, weil seine Mutter im Kino arbeitete, und lud mich ein.

Ein Ausflug „in die Stadt“ zum Kinobesuch – das war schon was, damals. Gezeigt wurde ein zweit- oder drittklassiger amerikanischer Film über Atlantis: Ein armer griechischer Fischer rettete eine wunderschöne Frau vor dem Ertrinken. Bald stellte sich heraus, dass sie eine atlantische Prinzessin war. Blind vor Liebe brachte er sie zurück in ihr Reich. Das sagenhafte Atlantis entpuppte sich als teuflisch in jeder Hinsicht: Sklaverei; Menschen, die in Tiere verwandelt wurden; gottlose Herrscher … Zum Schluss versank die Insel mit ihren ungläubigen, dekadenten Bewohnern in den Fluten des Meeres, so wie es sich gehört.

Ich drehe mich um und mein Herz geht auf – der Dom. Mein Blick fällt auf den West-Chor, den neueren Teil, nicht den Ost-Chor; das ist der ältere Teil, auf der anderen Seite, Richtung Fischtorplatz. Seit ich denken kann, hat man mir das eingebläut. Als Bretzenheimerin lebte ich ja nicht wirklich im Schatten des Doms, aber bei dem gleichnamigen Lied fühle ich mich angesprochen, besonders an Fassenacht.

Der Martinsdom! Der Dom zu Mainz! So prägend wie Fleischwurst und Paarweck, Krebbel, das Sandmännchen, „die Elektrische“, alte Frauen in Kittelschürzen, Astrid Lindgren, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Johannisfest, The Who, Augustinerkeller, Goldstein und La  Bastille …

In nostalgischer Stimmung setze ich meinen Weg fort Richtung Brand. Ich war ein Schulkind, als das Einkaufszentrum erbaut wurde – was war davor an seiner Stelle? Keine Ahnung. Als ich an der Allgemeinen Zeitung vorbeigehe, bleibt mein Blick an einem Muster im Boden auf dem Platz vor mir hängen. Zunächst sieht es aus wie ein Kreis, bei näherem Hinsehen entpuppt es sich aber als Oktagon. Ich stelle mich neben die Linie und sehe im Geist den Brunnen, der hier einmal gestanden hat, der Brunnen mit dem Perpetuum Mobile.

Auf einmal möchte ich heulen. Warum? Weil der Brunnen nicht mehr da ist, genauso wie die alte Lotharpassage mit Woolworth oder die Nordsee an der Ecke Große Bleiche / Große Langgasse. Matjeshappen gibt es noch in der Nordseefiliale in der Schusterstraße, „Hot Haps“ aber nicht mehr. Solche Fischspezialitäten brachten meine Eltern vom samstäglichen Einkauf aus der Stadt mit nach Hause. Das war für mich so lange der Knüller, bis ich Anfang der Siebziger meine erste Pizza aß. Damit waren die Nordsee-Spezialitäten out. Etwas später lernte ich Lasagne und Cannelloni kennen. Da wusste ich dann endgültig Bescheid …

Nur wenige Leute sind an diesem Mittwochvormittag unterwegs. Gedankenverloren lasse ich meinen Blick schweifen, folge der Treppe zum Brand, bleibe an der Schräge für Rollstuhlfahrer, Radfahrer, Kinderwagen und Skateboard-Fahrer hängen. Der Anblick dieser Schräge macht mich glücklich, erhöht meinen Herzschlag für einen Moment. Im Geiste sehe ich einen Einkaufswagen dort oben stehen, auf dem Scheitelpunkt sozusagen.  – Ich möchte lachen und nicht mehr aufhören.

Meine Umgebung einschließlich der wenigen Passanten, die sich über die Frau vor der Treppe mit diesem eigentümlichen Lächeln vielleicht wundern, rückt in weite Ferne, während ich abtauche in eine andere Zeit.

Mainz im Frühsommer 1976: Hinter mir und meiner Freundin Sophie – das mit Wasser gefüllte Becken des Brunnens. Das Perpetuum Mobile gibt seltsam scharrende Geräusche von sich, während es sich um seine eigene Achse dreht.

Wir sitzen auf dem Brunnenrand, starren fasziniert auf das, was sich am höchsten Punkt der Schräge in Richtung Brand gerade tut. Immer mehr Passanten bleiben in unserer Nähe stehen, einige setzen sich ebenfalls auf den Brunnenrand. Alle warten darauf, wie es weitergeht.

„Die Amis“, sagt ein älterer Herr freundlich, schüttelt dabei lachend den Kopf. „Was deene so alles eufelld!“

„Mama, guck doch!“ Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen deutet aufgeregt auf die drei GIs, die dort oben einen leeren Einkaufswagen festhalten und sich anscheinend angeregt unterhalten. Einer hebt grüßend die Hand, winkt uns Zuschauern elegant zu, in der Art der Queen.

Drei junge Männer, die neben uns stehen, langhaarig, mit Peace-Buttons an den Palästinenser-Tüchern, winken zurück, lachen sich kaputt. Schließlich tut sich oben etwas.

„Das machen die doch nicht wirklich?“ Sophie stößt mir sachte den Ellenbogen in die Seite. Wir sehen uns an, ungläubig, lachen dann schallend los. Doch, natürlich machen die das! Wir kennen sie, unsere GIs.

Einer der Amerikaner klettert geschickt in den Einkaufswagen, während seine Kumpel das Gefährt festhalten.

„Was mache se dann jetzd?“ Der ältere Herr grinst über das ganze Gesicht.

„Verrückt!“ Ein Peace-Button-Träger zündet sich eine Zigarette an, eine HB. Dann wedelt er damit herum und tänzelt ein wenig hin und her, ungefähr wie Bruno, das HB-Männchen.

Mittlerweile hat sich der GI in den Einkaufswagen gequetscht, streckt den Kopf nach vorne und schreit: „Right on.“

Seine Freunde geben dem Wagen einen Stoß und los geht es! Durch den Fahrtwind stellt sich seine blonde Stirntolle nach oben. Das Gefährt rollt die Schräge hinunter, nimmt ordentlich Fahrt auf.

Unter Lachen und Klatschen erreicht der Amerikaner in seinem ungewöhnlichen Fahrzeug das untere Ende der Schräge. Die Fahrt währte nur kurz. Jetzt hat er keine Möglichkeit zu bremsen, ist sozusagen ausgeliefert. Durch ruckartige Bewegungen mit dem Körper versucht er, nach links zu lenken.

Die drei Peace-Button-Träger eilen herbei, halten den Wagen fest. Auf diese Weise gestoppt, dreht das Fahrzeug langsam eine elegante Kurve und kommt vor dem Eingang vom Café Dinges zum Stehen.

„Des glaabd mä konä!“ Wer hat das gesagt? Der ältere Herr, der sich königlich amüsiert.

„Thank you!“ ruft der GI seinem fröhlichen Publikum zu, während seine neuen Freunde ihm heraushelfen. Schulterklopfen, Händeschütteln, Wortfetzen von dort drüben: „Nice to meet you!“ … „Hey, folks!“ … „Let´s go!“ … Einer der Deutschen schiebt den Wagen über die Schräge nach oben, die anderen trotten hinterher, unterhalten sich lachend miteinander und mit den Passanten.

„ Was machd ihr donn fä Sache!“ „Menschenskinnä, dess omm frije Moije.“

Oben angelangt gibt es wieder Schultergeklopfe. Als nächster steigt ein Peace-Button-Träger ein und rollt unter Gejohle nach unten. Allerdings verliert sich sein fröhlicher Gesichtsausdruck mit zunehmender Geschwindigkeit. Am Ende ist er sehr erleichtert, als Passanten ihm beim Parken helfen …

Die Szene verschwimmt. Ich bin zurück. Kein Brunnen, keine lachende Menschenmenge, kein Einkaufswagen, keine GIs – aber der Dom, der West-Chor, versteht sich.

Webseite

„Calling USA“ von Paula Dreyser –  Beziehungsroman, 70er Jahre, Kalter Krieg, RAF, Mainz. Als Taschenbuch erhältlich überall im Buchhandel und im VA-Verlag

Als E-Book auf Amazon

Paula Dreyser stellt sich vor

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ab sofort werden regelmässig Berichte und Erinnerungen von Paula Dreyser auf http://www.echte-Meenzer.de veröffentlicht.

Profil:

Paula Dreyser ist Ethnologin und Bibliothekswissenschaftlerin. Nach einer Tätigkeit an der Johannes-Gutenberg-Universität mit Forschungsaufenthalten in Namibia übte sie verschiedene Berufe aus. Sie arbeitete als Lehrerin, betreute eine Schulbücherei, leitete Projekte in Institutionen der Familienbildung und führte ein Online-Antiquariat.

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