Sonntagsvergnügen 1968 – Das Roxy-Filmtheater in Mainz-Bretzenheim

Nibelungen2

„Und du bist ganz sicher, dass es ein Winnetou-Film MIT einer Indianerin ist?“ Carolin liebt die Karl-May-Filme mit dem aristokratischen Apachen-Häuptling und seinem heldenhaften weißen Freund Old Shatterhand wie so ziemlich alle Kinder. Allerdings mag sie die Folgen, in denen nur Männer alles unter sich ausmachen, nicht so sehr. Ihre absolute Favoritin unter den Indianerinnen ist Ribanna, Winnetous große Liebe. Obwohl es ihr überhaupt nicht gefällt, dass die beiden am Ende nicht zusammenkommen, weil die wunderschöne Häuptlingstochter einen weißen Offizier heiraten muss, um den Frieden zwischen den Völkern zu retten. Sie ist sozusagen ein Pfand. Zum Kotzen findet Carolin das, nicht zum Aushalten. Ntscho-Tschi mag sie auch, Old Shatterhands heimliche Liebe. Dass die am Ende stirbt, ist allerdings eine Katastrophe.

„Ja klar.“ Heinz versteht die Aufregung seiner Freundin nicht. Hauptsache Cowboy und Indianer, was denn sonst!

Ein lauer Frühlingstag, ein Sonntagnachmittag: Bretzenheimer Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren strömen zum Roxy-Kino. In Gruppen stehen sie vor dem Gebäude zusammen. Einige springen aufgeregt umher. Wie auf ein geheimes Zeichen bewegen sich plötzlich alle in Richtung Eingang, wo es sich bald knäult. Keiner will zu den Letzten gehören, die den Vorführraum betreten. Die müssen nämlich in den vorderen Reihen sitzen und da bekommt man Genickstarre.

Carolin entdeckt die Randalierer aus der vierten Klasse ihrer Schule. Mist, die Deppen sind auch schon wieder da. Nicht nur, dass die frech sind, Ranzen auf den Rücken anderer Schüler aufmachen, Juckpulver hinten in die Pullover stecken, rumkreischen und spucken; Heinz wird auch immer so komisch, wenn die Bengel auftauchen. Dann lässt er Carolin links liegen und redet so blöd daher. Dabei sind sie seit ihrem vierten Lebensjahr befreundet.

„Oh Heune, gude!“ Bruno – wie immer hängt sein Hemd über dem Bund der Knielederhose. „Bissde widdä mid deum Medsche unnäwegs.“ Er und seine beiden Kumpel lachen sich kaputt. Harald, dem langen Lulatsch, fehlt immer noch ein Schneidezahn.

Heinz rückt daraufhin ein Stück weg von Carolin. „Mä wohne hald nah beienonnä. Deshalb komme mä ach zusomme.“

Verräter! Carolin bleibt allerdings keine Zeit, sich in ihre Enttäuschung hineinzusteigen. Gerade kommen zwei Schulfreundinnen auf sie zu, Andrea und Pia. Sehr gut, dann hab ich jemanden.

„Hallo.“ „Hallo.“ „Hallo.“

Pia ist wie immer leicht außer Atem, wirkt aufgeregt. „Bisher hab ich immer nur Märchenfilme hier gesehen.“ Ihre Augen leuchten.

„Ich bin oft im Roxy.“ Carolin richtet sich zu voller Größe auf. Soweit es das Roxy angeht, kennt sie sich bestens  aus. Mit ernstem Gesichtsausdruck zeigt auf sie auf die Reklame im Schaufenster des Kinos. Eines der Plakate sticht hervor. In leuchtenden Lettern verheißt es: Denn der Wind kann nicht lesen. „Da war unser Nachbar letzte Woche mit seiner Frau drin. Darüber hat er sich mit meiner Mutter unterhalten. Ein Film über den Krieg und … also auch ein Liebesfilm …“, erklärt sie.

Das beeindruckt ihre Freundinnen, besonders Pia. „Ist das vielleicht Vom Winde verweht?“, fragt die ganz vorsichtig.

Innerlich stöhnt Carolin. „Nein, ist es nicht. Du siehst doch, was auf dem Plakat steht: Denn der Wind kann nicht lesen!“

„Ja aber, vielleicht so ähnlich, also Liebesfilm und Krieg…“, versucht es Pia erneut, jetzt etwas verunsichert. Das Lächeln auf ihrem Gesicht flackert.

Carolin runzelt die Stirn und schüttelt energisch den Kopf.

„Meine Eltern haben hier mal Die Nibelungen gesehen“, erklärt Andrea schnell. Sie spürte, dass die Stimmung zu kippen droht.

„Mit Uwe Bayer, dem Hammerwerfer als Siegfried“, mischt sich ein älterer Junge ein, der neben ihnen steht.

„Also …“ Carolin gefällt die Wendung nicht, die sich in der Unterhaltung anbahnt. Ihr entgleitet das Ruder … Weiter kommt sie aber nicht.

Peter, Brunos dicker Kumpel, der mit den drei größeren und noch dickeren Brüdern, schießt mit seiner Spielzeugpistole in die Luft. Am Sonntag! Auf der Straße! Der hat Nerven! Er feuert seine Pistole noch zweimal ab. Dann grölt er: „ Ich schieß die Weiber ab.“

Boah! Der spinnt, denkt Carolin.

Die Mädchen schauen pikiert. Einige Jungs lachen, andere gucken irritiert aus der Wäsche. Ob Peter nun sehr mutig oder aber sehr dumm ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Glimpflich wird das hier auf jeden Fall nicht abgehen. Einige Leute aus den umliegenden Häusern haben den Krach gehört, natürlich.

Die ersten Fenster fliegen auf. Noch kennt man sich in Bretzenheim. Viele kennen Peters Familie. Und wer nichts Genaues weiß, kann jemand fragen, der Bescheid weiß … Mindestens einer wird Peter bei seinen Eltern oder Großeltern verpfeifen und dann – gute Nacht. Dann kann er zu Hause was erleben.

Schon meldet sich der ältere Herr von schräg gegenüber, der von der Bretzenheimer Post, die sich nur ein paar Schritte entfernt in derselben Straße wie das Roxy befindet. Der Postbeamte ist an sich freundlich, reagiert allerdings sehr ungehalten, wenn jemand in der Schlange, die sich so gut wie immer vor dem Schalter bildet, drängelt. „Freundchen!“ Er droht mit dem Finger. „Halt den Rand, sonst komm ich raus.“

Aus einem anderen Fenster brüllt ein Mann: „ Unn wehe, wenn oanä die Schleudä auspackt …“

„Geschieht ihm recht.“ Pias Wangen glühen. Energisch streicht sie ihren Faltenrock glatt, um ihre Äußerung zu untermauern.

„Find ich auch.“ Andrea nickt heftig. Ihre geflochtenen Zöpfe wippen.

Peter guckt leicht dümmlich aus der Wäsche, steckt den Colt weg und entzieht sich der Sicht der Erwachsenen, indem er sich hinter seinen Kumpeln versteckt. Die stehen aber auch vor ihm wie eine Wand.

Irgendwie beeindruckt diese Loyalität unter den frechen Bengeln die Mädchen dann doch.

Unerschrocken flüsterte Bruno seinen Kerlen etwas zu: „Schellekloppe – nach dem Kino.“

Andrea, Carolin und Pia hören es. Also was soll man davon halten?

Die Jungs nicken sich mit ernsten Gesichtern zu, vereint gegen den Rest der Welt – wie Winnetou und Old Shatterhand, Superman und Batman, Jochen Rindt und Uwe Seeler …

Aus beiden Richtungen der Zaybachstraße eilen immer mehr Kinder zum Kino. Die Schlange vor dem Eingang wächst, es gibt das übliche Gedrängel. Jeder verteidigt seinen Platz so gut er es eben vermag.

„He, nicht vordrängeln!“ „Nicht schubsen!“ „Ich hol meinen großen Bruder …“

Eine erwartungsvolle Stimmung liegt über den jungen Kinobesuchern. In Bretzenheim ist etwas los. Sonntagnachmittags in Kino zu gehen, das ist um Längen besser als Sonntagsspaziergänge im Gonsenheimer Wald und Familienbesuche, sogar noch etwas besser als in die Stadt zu fahren, um beim Dolomiti Eis zu essen. So einen Sonntag rumzukriegen, ist nämlich nicht ganz unproblematisch. Viele Kinder werden vormittags in die Kirche geschickt, besonders die Katholiken. Wer blaumacht, auf den Spielplatz geht oder ins Feld zum Spielen, lebt gefährlich, muss höllisch aufpassen, um von niemandem gesehen zu werden. Und die Nachmittage nach dem zumeist üppigen Sonntagsessen drohen immer, in Langeweile auszuarten. Auf der Straße spielen – allerhöchstens nur kurz, leise und sehr eingeschränkt.

Proportional zur zunehmenden Körperdichte am Kinoeingang schwillt die Lautstärke an. Es wird etwas unangenehm. Carolin denkt an ihren Vater. Vor dem Kino geht es bei einer Jugendvorstellung zu wie in einem Bienenkorb oder Ameisenhaufen!, hat er vor Kurzem gesagt.

„Setzt du dich neben Heinz?“, fragt Pia ganz unschuldig. Sie und Andrea fixieren Carolin mit großem Interesse.

„Nee!“, entgegnet die zickig. Was soll sie mit dem? Der grölt ja mit den Buben rum.

Ein kleines, etwas pummeliges Mädchen fällt gegen Carolin, die daraufhin Andrea anrempelt, die wiederum andere Kinder unfreiwillig anschubst. „He!“ „Uffbasse!“ „Was soll das?“ „Ich hol meinen großen Bruder …“

„Oh“, japst das Mädchen. Sie heißt Irene und geht wie Heinz in die Schule neben der Katholischen Kirche. „Das wollte ich nicht.“

„Ich freu mich schon auf den Eismann.“ Pia erträgt das Geschubse und Rumgestoße stoisch, lächelt tapfer weiter mit geröteten Wangen, ist in Redelaune.

„Langnese-Eiskonfekt.“ Das sagt Irene, die jetzt irgendwie zu der Mädchengruppe gehört.

Von irgendwo fliegt etwas über die Köpfe der Kinder hinweg.

„Meine Kreide“, ruft ein Mädchen.

„Weiberkram“, antwortet ein Junge.

Gelächter, Geschiebe, Gedränge, Unruhe. Einer löst sich aus dem brodelnden Haufen. Es ist Geo aus Carolins Parallelklasse. Er flitzt auf die andere Straßenseite, packt das Kreidepäckchen und spurtet zurück, um es einem blonden Mädchen in einem roten Kleid zu geben, das einen Kopf größer ist als er. Wie heldenhaft! Die Mädchen sind begeistert. Die Buben schauen abfällig.

„Kreide hab ich auch dabei“, sagt Andrea gedankenverloren.

„Ich hab meinen Gummitwist immer im Säckel“, erklärt Irene.

In diesem Moment geht ein Ruck durch die Gruppe. Das Tor wird geöffnet. Wie die Lemminge purzeln die Kinder durch den Eingang und die breite, steile Treppe hinauf. Da ist es schon wieder zu Ende mit der Bewegung. Weiter oben werden die Kinokarten verkauft. Die Abfertigung am Schalter dauert natürlich eine Weile.

Stetig schiebt sich die Schlange nach oben zum Schalter. Münzen wechseln die Besitzer. Die Glücklichen, die so weit gekommen sind, eilen in den Vorführraum. Atemlos finden Andrea, Pia und Carolin Plätze in der Mitte – ein Hauptgewinn.

„Ich komm dann zu dir.“ Der treulose Heinz lässt sich neben Carolin auf den Sitz fallen.

„Hm.“ Na gut, Schwamm drüber. Huldvoll lächelt sie ihm zu.

Pia stößt Andrea den Ellenbogen in die Seite. Beide glotzen und kichern. Lange müssen sie nicht warten, bis das Licht ausgeht. Die Werbung dauert nur kurz. Schnell ist der Eismann durch.

Die Geräuschkulisse ebbt endgültig ab. Die große weite Welt ist in Bretzenheim zu Gast. Die Musik der Winnetou-Filme, getragen, sehnsüchtig und großartig, erfüllt den Raum. Der Titel des Films: Das Halbblut Apanatschi.

Carolin stutzt. Ein Halbblut! Ist das nun eine Indianerin oder nicht? – Es stellt sich schnell heraus, dass Apanatschi ein junges Mädchen ist, keine ganz richtige Indianerin, sondern nur zur Hälfte. Aber immerhin. Carolin atmet tief durch, lässt sich entführen in die Welt der Cowboy und Indianer, der edlen Helden und niederträchtigen Schurken, wo das Wort eines Mannes noch etwas gilt …

Die Sonntagswelt ist in Ordnung, im Roxy-Filmtheater, in Mainz Bretzenheim.

 

Foto mit freundlicher Genehmigung von Herrn Manfred J. Simon!

 Geschichten aus Mainz, früher und heute, von Paula Dreyser. Mit Dank an die Mitglieder verschiedener Facebook-Gruppen, die ihre Erlebnisse und Erinnerungen mit mir geteilt haben.

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Es war einmal: Öffentliche Telefonzellen oder – etwas Privatsphäre unter schwierigen Bedingungen

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Leseprobe aus Calling USA von Paula Dreyser / Cover für die 2. AuflageFotos: Minya Backenköhler, Mainz; Fotolia, Urheber psdesign1 (57908455) und fotomek (54212049 + 96845895)

Mainz im August 1977

Die siebzehnjährige Schülerin Lydia „geht“ seit etwa zwei Monaten mit Steve, einem zwanzigjährigen GI. Lydias Eltern wissen noch nichts davon. Mit ihrer Freundin und Vertrauten Steffi sucht sie eine Telefonzelle auf, um Steve in den Lee Barracks anzurufen.

Ort des Geschehens: Telefonzelle in Mainz-Bretzenheim, Bahnstraße vor der Reinigung

 

„Mann.“ Steffi konnte es nicht fassen. „Keine Schlange davor.“

Lydia öffnete die Glastür der Telefonzelle und hielt sie einen Moment fest, damit die Kabine wenigstens etwas auslüften konnte. „Ist eigentlich nur selten der Fall, dass ich hier warten muss, höchstens mal am Wochenende. Aber an einem Donnerstagnachmittag wie heute ist damit nicht zu rechnen“, erklärte sie.

„Bei den Telefonzellen am Neubrunnenplatz oder in der Nähe vom La Bastille, die ich meistens benutze, ist das anders.“ Steffi stöhnte. „Ist fast immer jemand drin. Wenn ich am Wochenende telefonieren will, stehen regelmäßig mehrere Leute davor.“ Zögernd betrat sie den engen Raum und schaute sich vorsichtig um. „Die sind auch viel dreckiger als diese.“ Sie schnüffelte. „Stinkt hier auch nicht so.“

Lydia folgte ihr, was nicht ganz einfach war, denn die Falttür öffnete nach innen. Bis sie wieder zufiel, war der ohnehin begrenzte Platz noch spärlicher. Wollte man zu zweit hinein, musste man sich reinquetschen.

Sie atmeten auf, als die Glastür hinter ihnen wieder zugefallen war, obwohl dadurch die Luftzufuhr fast abgestellt wurde.

„Ja, in der Stadt gibt es ein paar, die sehr übel sind.“ Lydia legte ihre Tasche auf die Ablage, unter der die Telefonbücher hingen. „Wieso läufst du so weit? Ich kann ja verstehen, dass du das Telefonhäuschen in der Leibnizstraße nicht benutzen willst. Da könnten deine Eltern vorbeikommen und misstrauisch werden, aber in den Seitenstraßen gibt es doch bestimmt auch welche.“

Steffi lehnte sich gegen die Glaswand. „Sonntags gehe ich manchmal raus, weil mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Ist Zeitvertreib, durch die Stadt zu laufen und eine Telefonzelle zu suchen. Die in der Nähe vom La Bastille gefällt mir am besten. Irgendwie fühle ich mich da gut und …“ Sie zuckte die Schultern. „… sicher.“

Lydia nickte. Die Diskothek war das Zentrum ihres Mikrokosmos, in dem sie sich frei und gleichzeitig geborgen fühlten.

„Mach jetzt!“ Steffi nahm den Hörer ab und hielt ihn Lydia ans Ohr.

„Alles klar, es tutet in der Leitung, der Apparat ist nicht kaputt. Lass uns die Zehner zählen.“

Sie nahmen alle Zehnpfennigstücke aus ihren Geldbörsen und legten sie auf die Ablage neben die Taschen.

„Zehn, eine Mark, das dürfte reichen.“ Lydia atmete tief durch.

„Lass uns noch eine Mark als Reserve dazulegen.“ Steffi war gründlich.

Eigentlich kostete ein Ortsgespräch nur zwanzig Pfennige, aber man wusste nie, wie viele Zehner durchfielen, ohne dass man den Grund dafür erkennen konnte. Manchmal schluckten die Telefone auch mehr Geld, die Ursache dafür blieb ebenfalls ein Geheimnis.

In der Kaserne anzurufen verursachte immer Stress. Sich dafür mit einer Freundin zusammenzutun, war ein beliebtes Vorgehen. Sie fühlten sich auf diese Weise nicht so allein und mutiger, gleichzeitig regten sie sich aber gegenseitig noch mehr auf.

Bisher lief für Steffi und Lydia alles sehr gut. Auf Anhieb hatten sie eine leere Telefonzelle in vernünftigem Zustand gefunden und verfügten über ausreichend Geld. Der Apparat schien zu funktionieren. Genau würden sie das aber erst wissen, nachdem sie die Wählscheibe bedient hatten.

An diesem nur mäßig warmen Augusttag waren die klimatischen Bedingungen in der Kabine vergleichsweise günstig. Trotzdem begannen sie zu schwitzen. Drei Seiten der Zelle bestanden aus Glas, eingefasst in breite, leuchtend gelbe Stahlblechstreifen. An der einzigen Stahlwand gegenüber der Tür hing das Telefon und rechts daneben etwas weiter unten eine Vorrichtung für die Bücher. Die Sonne hatte den Innenraum natürlich aufgeheizt. Die kurze Stoßlüftung wirkte sich nur für einen Moment aus, bis ihre Wirkung komplett verpuffte. Durch die aufkommende Hitze machten sich all die Düfte nach und nach bemerkbar, die permanent im Inneren schwelten, kalter Zigarettenrauch, Schweiß, Parfum und einige undefinierbare Duftnoten, eine im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Mischung.

„Patchouli!“ Lydia stöhnte, während sie aufgeregt in ihrer Umhängetasche nach dem Zettel mit der Telefonnummer suchte.

„Ist fast so schlimm wie Moschusöl.“ Steffi schluckte schwer. Dann starrte sie erstaunt auf das Stück Papier. „Weißt du die Nummer nicht auswendig?“

„Doch, aber ich fühle mich besser, wenn ich für den Notfall einen Spickzettel habe.“ Lydia spürte Schweißtropfen auf ihrer Stirn. „Mir wird manchmal beim Wählen für einen Moment schwarz vor Augen.“

„Kenn ich.“

Die Kombination aus Gestank, Wärme und Aufregung schlug schnell auf den Kreislauf. Steffi stöhnte und öffnete die Tür. Im Kontrast zu der abgestandenen Luft war das, was jetzt hereinströmte, frisch. Sie atmeten auf.

Als Leute vorbeigingen, schloss Steffi die Tür wieder. „Los jetzt! Mach schon!“

Lydia zitterte. Sie hatte schon früher in der Kaserne angerufen, aber dies war das erste Mal, dass es um Steve ging. Telefongespräche in die amerikanische Kaserne waren immer spannend, konnten sich geradezu dramatisch gestalten und ausarten. Eine entscheidende Rolle für den Ablauf des Geschehens spielte derjenige, der gerade Telefondienst hatte, der CQ, Charge of Quarters.

„Mensch Lydia, beeil dich, mir ist schon flau.“ Steffis Gesichtsfarbe veränderte sich.

„Ich kann noch nicht.“ Lydia stöhnte. „Eine Zigarette würde helfen, nur ein paar Züge.”

“Spinnst du, wir können in diesem Käfig doch jetzt nicht rauchen.” Steffi tippte sich an die Stirn.

“Wir rauchen draußen. Sollte jemand kommen, gehen wir schnell wieder rein.“

Steffi überlegte kurz, dann nickte sie. “Okay.“

Sie stießen die Tür auf, schlängelten sich nach draußen, zündeten eine Kool für beide an und zogen abwechselnd daran.

„Wenn mir jetzt der CQ erzählt, dass Steve mit einer anderen unterwegs ist, fahre ich sofort in die Barracks.“ Lydias Nervosität nahm zu.

„Da kommst du ja nicht rein.“ Steffi nahm die Zigarette und zog genussvoll.

„Manchmal geht es. Jemand muss für dich bürgen oder so ähnlich.“

In diesem Moment bog ein älterer Herr um die Straßenecke und spazierte gemütlich, aber zielstrebig auf die Mädchen zu. Steffi ließ die Zigarette fallen, trat sie aus und huschte hinter Lydia in das Häuschen. Der an ihnen haftende Rauch hing sofort wie eine übelriechende Wolke in der Kabine. Seelenruhig ging der Herr außen vorbei. Entgeistert sahen sie sich an, um dann leicht hysterisch loszulachen. Bis sie sich beruhigten, dauerte es eine Weile.

„Los jetzt“, japste Steffi, nahm den Hörer ab, reichte ihn Lydia und warf das erste Zehnpfennigstück in den dafür vorgesehenen Schlitz. Sie lauschten aufmerksam, andächtig. Die Münze blieb im Apparat, es hatte funktioniert. Die Nächste fiel allerdings durch.

„Mist!“ Steffi versuchte es wieder. Nach zwei weiteren Fehlschlägen blieb der Zehner im Kasten.

Mit zittriger Hand wählte Lydia sorgfältig eine Ziffer nach der anderen, während sie den Hörer ans Ohr hielt. Bei der vorletzten Zahl drehte sie die Scheibe nicht weit genug, sodass die Verbindung unterbrochen wurde. Lydia gab einen undefinierbaren, kläglichen Laut von sich.

„Oh!“ Steffi, mittlerweile kreidebleich im Gesicht, öffnete schnell die Tür und stellte sich dicht an den Spalt.

Wieder wählte Lydia, konzentrierte sich dabei so stark, dass sie einen Druck auf der Stirn verspürte. Diesmal klappte es. Aus dem Hörer tönte auch kein Besetztzeichen. Die Leitung war frei. Sie nickte Steffi zu, die wieder etwas Farbe im Gesicht hatte.

Am anderen Ende der Leitung nahm jemand den Hörer ab. „A Company, Fourth of the 69th Armor, Specialist Harrison speaking. How can I help you?”

“May I please talk to Private Gardner?” Lydias Stimme klang erstaunlich fest.

“Let me see, Mam. Just a moment.“ Der Soldat hielt den Hörer jetzt wohl zur Seite und sagte etwas, was Lydia nicht verstand.

Steffi blickte sie mit großen Augen erwartungsvoll an.

„Er spricht mit jemandem“, flüsterte Lydia. Die Anspannung, unter der sie stand, steigerte sich ins Unerträgliche.

Steffi stellte sich jetzt direkt neben sie und hörte mit. Es knackte. Am anderen Ende der Leitung wurde gesprochen, gelacht. Wortfetzen waren zu verstehen: Lady, Gardner, shower. Wie von der Tarantel gestochen fuhren sie auf und warfen sich einen alarmierten Blick zu. Shower, das absolute Unwort bei einem Gespräch mit dem CQ. Als Nächstes würde der diensthabende Soldat behaupten, dass Steve unter der Dusche stünde, was meistens bedeutete, dass er keine Lust hatte, jemanden nach ihm zu schicken. Würde Lydia in einer halben Stunde anrufen, bekäme sie höchstwahrscheinlich die gleiche Antwort.

Wieder knackte es. Dann war ein Rascheln zu hören. Jemand lachte. Worte fielen: girl, nice voice, downtown, La Bastille. Dann entstand eine Pause. Der Moment dehnte sich aus, dauerte ewig.

Lydia kam ein absurder Gedanke. Die Zeit in der Telefonzelle verstreicht für uns langsamer als außerhalb im richtigen Leben, genau wie bei der Besatzung der Enterprise, wenn sie durch ein Schwarzes Loch fliegt. Gerade als sie Steffi das erzählen wollte, erklang Steves Stimme gut gelaunt aus dem Hörer. „Hey Babe.“

Vor Erleichterung wurde ihr schwindlig.

Auch Steffi strahlte. Sie lächelte Lydia zu, bevor sie nach draußen ging. Das gehörte zum Verhaltenskodex.

 

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