Gutenberg ist immer noch derselbe …

1971

(Fotos aus der Sammlung von Meikel Mainz)

„Na ja.“ Mit gefurchter Stirn kratzt David sich am Ohr. „Also hier, der Gensfleisch …“ Grinsend deutet er auf das Denkmal hinter ihm. „ … er ist immer noch derselbe, sah Anfang der 70er genauso aus wie jetzt.“

Manfred nickt. „Ja, aber ansonsten hat sich hier schon einiges getan. In dem Gebäude da drüben war früher ein Schuhgeschäft.“ Er zeigt Richtung Dom. „Und hier am Gutenbergplatz gab es so ein paar etwas bessere Läden für Damenmode. Meine Mutter kaufte da ein.“

Jetzt wenden beide ihren Blick dem Theater auf der anderen Seite der Ludwigsstraße zu.

David überlegt. „Die Bäume sind nicht mehr da“, sagt er schließlich mit einem gewissen Bedauern. „Und links vom Theater war, glaube ich, ein Brunnen.“ Mit dem rechten Arm zeichnet er einen Bogen in die Luft, als wolle er das Theater und dessen unmittelbare Umgebung ein für alle Mal festhalten. „Ist immer noch schön, aber … na ja … die guten alten Zeiten.“

Manfred kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Davids ausgeprägter Akzent ist herrlich. Immerhin hat sein Freund sich schon Anfang der 70er bemüht, Deutsch zu lernen. Da dachten die meisten amerikanischen GIs nicht im Traum daran. Grinsend zündet er sich eine Zigarette an.

„Das war früher auch anders!“ Der Amerikaner macht ein strenges Gesicht. „Da haben viel mehr Leute geraucht und zwar überall!“

Manfred zwinkert ihm zu, zieht dabei genüsslich an seiner Zigarette. Immer noch kann er sein Glück nicht fassen, dass er David nach so vielen Jahren wieder getroffen hat. Ihm wird warm ums Herz.

1973 hat Sergeant David Richards Deutschland verlassen, ging zurück in die Staaten. Die drei Söhne seiner Landlady waren untröstlich gewesen, besonders Manfred, der Zweitälteste, drei Jahre jünger als der amerikanische Untermieter.

Als hätte er die Gedanken seines Freundes erraten, sagt David jetzt:“ Meine Güte Manfred! Man kann über Facebook ja denken, was man will, aber ohne die Gruppe der ehemaligen GIs aus Lee Barracks wären wir nicht wieder in Kontakt gekommen.“ Er schluckt und blinzelt. Dann lacht er. „Wenn ich Raucher wäre, würde ich mir jetzt auch eine anstecken.“

Auch Manfred lacht. „Ich habe gezielt nach dir gesucht, nachdem ich mit meiner Frau in alten Fotokisten gestöbert hatte“, sagt er mit etwas heiserer Stimme. „Bin ich froh, dass ich auf diese Gruppe gestoßen bin und auch Mitglied werden konnte.“

Gerade verschieben sich die grauen Wolken und die Sonne lugt hervor. Sie malt einen breiten hellen Streifen über das Theater, die Lu und den Platz vor dem Gutenberg-Denkmal. Die beiden Männer sehen sich an, seltsam ergriffen.

Manfred legt eine Hand auf Davids Schulter. „Mann, du warst so schüchtern und  – so schlank.“

David reibt sich den Bauch. „Man wird halt nicht jünger. Du hast ja auch zugelegt.“

„Meine Mutter hat angefangen, dir Deutsch beizubringen.“

„Sie war wunderbar.“ David nickt, blinzelt, weil ihm etwas in den Wimpern hängt. „An Weihnachten durfte ich mit euch feiern. „Das hat mir viel bedeutet“, fügt er dann hinzu.

„Ja!“ Manfred nickt stürmisch. „Das war meiner Mutter sehr wichtig. Immerhin wusste sie, dass du ein Pfarrerssohn aus dem Bibelgürtel bist. Aber du hättest ein Atheist sein können, sie hätte dich an Weihnachten nicht in deiner Dachwohnung alleine gelassen.“

„Sie hat mir sogar einen Adventskalender geschenkt. Ich wusste zuerst nicht, was ich damit anfangen sollte.“ Daves Augen leuchten. „An Weihnachten gab es gefüllte Gans und einen echten Baum mit echten Kerzen.“

„Ich hätte lieber Cheeseburger oder Double-Cheese-Pizza aus dem NCO Club gegessen“, erklärt Manfred schmunzelnd. „Euer Zeug war für mich das größte. Die weite Welt ließ grüßen.“

1972Schließlich machen sich die beiden Männer auf den Weg zum Schillerplatz, ganz ohne Eile. Sie genießen die Gesellschaft des jeweils anderen, können kaum glauben, dass sie sich nach der Kontaktaufnahme über Facebook vor einem halben Jahr schon jetzt wieder getroffen haben.

„Wie schön, dass du mit deiner Familie wieder in der Wohnung deiner Eltern lebst. Für mich ist es wunderbar, mit meiner Frau in der alten Dachwohnung zu hausen. Ist zwar umgebaut und modernisiert, aber der Blick aus dem Fenster ist derselbe wie früher.“ Davids Stimme bricht am Ende, vor Rührung.

Manfred kann es ihm nachfühlen. „Ja, vor zwei Jahren bin ich mit meiner Familie wieder zurück nach Mainz gezogen, in mein Elternhaus.“

Schweigend spazieren sie durch den lauen, bewölkten Junitag, eine Weile tief in Gedanken versunken.

Am Fastnachtsbrunnen angekommen, bleiben sie stehen, etwas unschlüssig. Suchend sieht David sich um.

„Wonach guckst du?“

„Das weiß ich nicht so genau. Ist nur auch hier irgendwie nicht ganz so wie in meiner Erinnerung …“

„Ja“, stimmt Manfred ihm zu, „ich finde das auch. 1980 bin ich aus Mainz weggezogen und kam erst vor zwei Jahren zurück. Da ich mit meiner Familie viele Jahre im Ausland gelebt habe, kam ich von 1980 bis 2014 auch nicht oft zu Besuch. Ich weiß auch nicht mehr so genau, wie der Schillerplatz Anfang der 70er ausgesehen hat und wann sich was geändert hat …“

„Da waren weniger Blumenbeete“, überlegt David. „Und ich glaube, es gab eine Litfaßsäule und … eine Telefonzelle?“ Fragend sieht er zu Manfred. „Da bin ich mir nicht ganz sicher.“

„Hmmm. Das mit den Blumen, ja, das stimmt.“ Manfred schaut sich um. Dann lacht er kurz auf. „Der Fastnachtsbrunnen stand auf jeden Fall schon da.“

„Ja!“ David nickt nachdrücklich, zieht die Stirn kraus. Dann fällt ihm etwas ein. „Deine Mutter erzählte mir, dass bis 1933 ein anderes Denkmal hier gestanden hat, das Befreiungsdenkmal, eine halbnackte Frau.“

„Richtig, das hat sie auch uns Kindern erzählt. Sie war in Stadtgeschichte ja ziemlich bewandert. Da gab es wohl nach der Enthüllung, ich glaube 1930, viel moralische Empörung. Weil der Künstler jüdischer Herkunft war, wurde das Denkmal schon drei Jahre nach der Einweihung wieder entfernt. Wie gesagt, es war sowieso umstritten.“

Eine Gruppe Jugendlicher kommt aus Richtung Gaugasse und geht lärmend an ihnen vorbei. Fast alle halten ein Smartphone vor das Gesicht. Die Beiden sehen sich an.

„Das gab es damals nicht, weder hier noch sonst wo“, erklärt Manfred trocken. „Wir haben uns direkt unterhalten oder – telefoniert.“

David nickt. „Was heute im Stadtbild auch fehlt, sind die GIs, gut erkennbar an den kurzen Haarschnitten und der Garderobe.“

„Richtig! Das ist vorbei.“ Manfred fällt etwas ein und er blickt seinen Freund eindringlich an. „Sag mal, hast du eigentlich mal unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn du in deiner Uniform unterwegs warst? Du bist doch immer in Uniform aus dem Haus gegangen und dann mit der Straßenbahn in die Lee Barracks gefahren.“

„Nein, nie!“

Wieder sehen sie sich schweigend an, freuen sich über das Wiedersehen, kosten den Moment aus.

„Was meinst du, David? Wie wäre es mit einem Bier, also mit einem richtigen, echten …?“

„Wunderbare Idee!“ David strahlt. „Das Bier schmeckt zum Glück noch genauso wie früher …“

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser. Eine Geschichte, basierend auf Recherchen und Interviews zu dem Roman Calling USA. Der Roman ist erhältlich im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book.

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Café Maldaner: stimmungsvolles Ambiente gestern wie heute oder – So nah und doch so fern

90er

Leseprobe aus dem laufenden Romanprojekt „Woodstock ist nicht alles …“(Arbeitstitel) von Paula Dreyser / Orte der Handlung: Wiesbaden, Schlossplatz und Marktstraße vor dem Café Maldaner / Zeit: Juni 1992

Die Marktkirche ist schön. Olivia legte den Kopf in den Nacken und folgte mit den Augen der Linie des gotischen Turms, der trotzig in den blauen Sommerhimmel stach. Nicht so imposant wie der Mainzer Dom, aber immerhin.

Langsam schlenderte sie weiter, träumte vor sich hin. Schmunzelnd erinnerte sie sich an die „traditionell schwierige“ Beziehung zwischen Mainzern und Wiesbadenern.

In ihrer Kindheit und Jugend war das immer wieder Thema gewesen, besonders bei den älteren Leuten. An der Mainzer Uni hatte sie sich allerdings ausgerechnet mit einer Wiesbadenerin angefreundet. Christiane hatte wie sie mit Anfang dreißig noch ein Studium der Kunstgeschichte begonnen.

Erstaunt stellte sie fest, dass sie ihr Ziel bereits erreicht hatte. Ich könnte hineingehen. Unschlüssig stand Olivia vor dem Maldaner. Sie liebte dieses Café: die lange Theke mit Kuchen- und Tortenköstlichkeiten unter Glas; die glitzernden Flaschen, schimmernden Porzellangefäße und Gerätschaften rund um die Zubereitung von Kaffee in den Regalen. Jetzt an einem der kleinen, runden Tische oder auf einem Plüschsofa sitzen bei Kaffee und Kuchen, umgeben von Kostbarkeiten, mit einem Hauch von Kaiserzeit und Kaffeehauskultur – das wäre wunderbar. Sie könnte an ihrer Skizze der Marktkirche weiter arbeiten.

Eine Weile noch betrachtete sie die Menschen, die in der Marktstraße unterwegs waren. Viele von ihnen waren auffallend gut gekleidet, offensichtlich Leute mit Geld.

Sie genoss diesen Moment. Bis jetzt war es ein guter Tag gewesen, sonnig, angenehm warm … und Prof. Bauer hatte ihre Mappe Kirchen in Mainz und Wiesbaden gelobt.

Und dann geschah es! Von einer Sekunde zur nächsten veränderte sich ihre Stimmung. Die innere Ruhe und das behagliche Gefühl verflüchtigten sich. Warum? Aus einem der Geschäfte drang Musik an ihre Ohren: So Darlin´, Darlin´ Stand, By Me …

Die Marktstraße mit ihrem modernen Ambiente verwandelte sich. Es war so, als würde sich etwas verschieben. Die Gebäude sahen jetzt etwas älter aus, weniger Leuchtreklamen funkelten, die Menschen waren altmodischer gekleidet; Schlaghosen, große Kragen über knappen, gemusterten Pullovern, Plateauabsätze. Und dort drüben – eine Telefonzelle.

Ein GI, schlank und hochgewachsen, blond, mit kantigem Gesicht, ein ironisches Lächeln um den Mund und ein zierliches, dunkelhaariges Mädchen, einige Jahre jünger als er, schlenderten gemächlich die Marktstraße entlang, direkt auf den Maldaner zu. Sie hielten sich an den Händen, unterhielten sich angeregt. Das junge Mädchen blieb immer wieder stehen, wendete sich dem Mann zu, sah zu ihm auf, gestikulierte leidenschaftlich mit der freien Hand. Die Nähe zwischen den beiden schaffte eine durchsichtige Glocke, die sie umgab und vom Rest der Welt abschnitt. If the sky that we look upon … Die beiden kamen näher, gingen an Olivia vorbei in den Maldaner.

Die Zeit sprang wieder nach vorn, rastete ein im Hier und Jetzt. Die Straße präsentierte sich bunt und modern. Alles war so, wie man es heutzutage im Einkaufszentrum einer größeren Stadt erwartete.

Olivia fühlte sich so merkwürdig, dabei so einsam, dass sie gerne losgeheult hätte. Die Luft blieb ihr weg. Sie konnte nicht mehr schlucken. Ich werde doch jetzt nicht hyperventilieren! Sie zwang sich, den Atem anzuhalten, beruhigte sich langsam. Ich sollte hineingehen …

Gerade als sie die Hand nach dem Türgriff ausstreckte, hörte sie einen Schrei und einen lauten Knall. Ihre Hand zuckte zurück.

 

Alex liebte dieses Café. „Vielen Dank!“ Er zwinkerte der hübschen jungen Bedienung zu, ein zierliches Mädchen mit grünen Augen.

Die junge Frau servierte ihm Apfeltorte mit Sahne zu einem Kaffee. „Bitte schön“, sagte sie schlicht, entfernte sich, flink und anmutig.

Sie erinnerte ihn an ein anderes deutsches Mädchen, dass er vor vielen Jahren gekannt hatte, während seiner ersten Stationierung in Deutschland. An die Zeit als Pilot dachte er gerne zurück. Good old days. Er gestattete sich ein kurzes Abtauchen in vergangene Zeiten. In Olivia war er sehr verliebt gewesen. Aber sie schafften es nicht, zueinander zu kommen. Was, wenn es ihnen gelungen wäre? Wie hätte sich das auf seinen Lebensweg, seine Karriere ausgewirkt? Er seufzte. Ich wäre vielleicht genau da, wo ich heute bin, wäre nach einem langen, erfolgreichen Militärdienst strategischer Berater für die Air Force. Die Erinnerung begann zu schmerzen. Sie war klug. Sie hätte es verstanden, wenn, ja, wenn was?  – Wenn ich mir mehr Mühe gegeben hätte …?

Tief in Gedanken versunken stach er etwas zu heftig in seinen Kuchen. Als er die Gabel in den Mund schieben wollte, hörte er von draußen einen Knall und zuckte zusammen. Irritiert blickte er auf. Ob ich nachsehen soll, was da los ist?, fragte er sich im Stillen. Sein Herz begann, heftig zu klopfen und er spürte ein merkwürdiges Ziehen im Brustkorb. Er stand auf.

Sofort erschien die junge Kellnerin an seinem Tisch, sah ihn fragend an, mit hochgezogenen Brauen. „Alles in Ordnung?“ Ihre grünen Augen glitzerten. Jetzt lächelte sie, freundlich, aber auch ein klein wenig herausfordernd.

„O ja“, entgegnete Alex und setzte sich wieder hin. „Alles bestens.“

(Foto aus der Sammlung Meikel Mainz, veröffentlicht am 04.02.2016 auf Facebook, „Echte Wiesbadener“)

Bereits erschienen von Paula Dreyser: „Calling USA“, Roman über eine „deutsch-amerikanische“ Beziehung im Mainz der späten 70er-Jahre. Überall im Buchhandel oder beim VA-Verlag. Auf Amazon auch als E-Book. Mehr über Paula Dreyser auf der Webseite und auf  Facebook 

Begegnung an der Litfaßsäule (Freitag, 21. März 1975)

1975, Bahnstr., Parfümerie SimonkopieFoto von Herrn Karl Hermann Matthias, gepostet mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Urhebers. (Herr Matthias war 42 Jahre lang Lehrer für Kunst, Deutsch und Geschichte an der Kanonikus-Kir-Realschule.).

Leseprobe aus dem laufenden Romanprojekt „Woodstock ist nicht alles…“(Arbeitstitel)

Orte der Handlung: Schillerplatz – Münsterplatz – Bahnhofstraße

Warum sieht der mich so an? Olivia schwelgte noch in dem federleichten Hochgefühl des Nachmittags in der Wohngemeinschaft. Der Blick des GIs störte sie. Gerade war er an die Litfaßsäule herangetreten –jetzt stand er dort, sehr aufrecht, sehr gerade, genau in dem Ausschnitt, den sie zeichnete. Über seinem Kopf blitzte die Reklame für eine Single von Udo Jürgens: Griechischer Wein, gleich daneben eine Kinowerbung: Der Pate, Teil 2.

Unschlüssig trat sie ein paar Schritte zur Seite. Der Amerikaner folgte ihr mit den Augen, die Brauen etwas nach oben gezogen. Ein angedeutetes Lächeln umspielte seinen Mund, freundlich, ein klein wenig spöttisch. Groß und schlank war er, das Gesicht schmal und kantig, die Haare aschblond.

An wen erinnert er mich nur? Sie starrte zurück, obwohl sie das gar nicht wollte. Bestimmt ein Pilot, stationiert in Finthen. Das leichte Kribbeln im Sonnengeflecht irritierte sie. Was sollte das? Ami go home.

Seit sie dabei war, in Werners Welt einzutauchen, hörte sie Janis Joplin und Jimi Hendrix, bedauerte zutiefst, dass sie 1968 zum Woodstock-Konzert erst neun Jahre alt gewesen war. Das Gefühl, zu spät geboren zu sein, nagte an ihr. Jetzt war sie sechzehn, bereit, hatte aber diese wunderbare Zeit des Aufbruchs und der neuen Ideen knapp verpasst.

Sie stand mit dem Amerikaner auf einer Höhe, der Abstand zwischen ihnen betrug etwa zwei Meter. Ihr stockte der Atem. Ob vor Erstaunen oder Entrüstung hätte sie nicht sagen können. Der GI hob grüßend die Hand und nickte ganz leicht in ihre Richtung, etwas herausfordernd.

Sie warf ihm einen giftigen Blick zu, steckte den Zeichenblock in die bunte Hirtentasche und lief an der Litfaßsäule vorbei zur Haltestelle der Buslinie Nr. 13. Blaue Augen und blonde Haare. Ich mag sie sowieso lieber dunkler. Olivia fühlte sich völlig verunsichert.

Auf dem Schillerplatz war viel los wie in der gesamten Mainzer Innenstadt. Es war kein gewöhnlicher Freitag, sondern der Freitag vor dem Karfreitag und die Schulferien hatten bereits begonnen.

Sie zwang sich dazu, sich nicht mehr umzudrehen. Der GI interessierte sie grundsätzlich nicht, weil die Amis die Bundesrepublik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges besetzt hielten, und auch deshalb nicht, weil er sie davon abgehalten hatte, ihre Zeichnung weiter zu verbessern.

Mit Zeichnen konnte Olivia das Leben ertragen. Nicht, dass ihr Leben schlecht gewesen wäre. Alles in allem konnte sie sich nicht beklagen, weder über ihre Familie noch über ihre Freunde. Die Lehre in der Gutenberg-Buchhandlung war nicht schlecht … Aber Olivia suchte unermüdlich nach einem Sinn in ihrem Leben. Oft träumte sie sich hinweg, weil das wahre Leben nicht ihren Vorstellungen entsprach. Also zeichnete sie – zu Hause auf ihrem Bett, in der Mittagspause in dem kleinen Aufenthaltsraum der Mitarbeiter, vorm Fernseher, am Frühstückstisch, am liebsten aber irgendwo in Mainz, um etwas von ihrer Stadt auf dem Papier festzuhalten. An der Litfaßsäule hatte sie die letzten Tage in ihrer Mittagspause immer wieder gearbeitet. Gerade eben wollte sie der Skizze den letzten Schliff verpassen.

Als der Bus anhielt, stieg sie ein, froh darüber, einen Fensterplatz im hinteren Bereich zu ergattern. Automatisch, ohne ihren Willen zu beachten, drehte sich ihr Kopf zur Seite. Er stand immer noch da. In ihrem Bauch flatterte ein Schmetterling. Schnell schaute sie wieder weg. Das kam nicht in Frage.

Benny, der Ultralinke in Werners WG, hatte ihr heute wortreich erklärt, warum die US Army eine Besatzungsarmee und die USA ein kapitalistisches Land waren. Olivia hatte seinen Ausführungen aufmerksam gelauscht, aber trotzdem nicht alles verstanden. So sehr sie auch dazu gehören wollte, die Argumentation leuchtete ihr nicht vollkommen ein, und – was noch schwieriger zu unterdrücken war – es fühlte sich so komisch an. Olivia dachte an Bert aus Tennessee, der an der Mainzer Uni zusammen mit ihrer Mutter studiert hatte und ihre Familie manchmal besuchte, an ihre Verwandten in Maryland, die ebenfalls zu Besuch kamen. Alle diese Menschen mochte sie.

Aber eine Wohngemeinschaft! In der Altstadt! Sie war in einer gewesen, hatte auf dem Boden gesessen, selbstgedrehte Zigaretten geraucht, Tee getrunken. Stapel von Spiegel-Ausgaben überall, auch auf dem kleinen Klo mit Ziehspülung, Unmengen von schmutzigem Geschirr in der Spüle, Bierkästen unter dem Küchentisch. Das nächste Mal würde sie auch an der Haschischpfeife ziehen und das Kommunistische Manifest würde sie sowieso lesen. Vielleicht konnten die Gespräche und die Atmosphäre in der WG ihre innere Leere füllen. Das war womöglich sogar noch besser als Zeichnen.

Als der Bus am Münsterplatz hielt, erregten zwei junge Mütter, die mit riesigen Kinderwagen vor dem Schaufenster des Kinderladens standen und sich unterhielten, ihre Aufmerksamkeit. Ein schönes Motiv. Ihr Blick schweifte zur fünften Etage des Gebäudes neben dem Kinderladen. Sie liebte die Reklame, die auf dem Dach angebracht war. Dort prangte in riesigen Lettern: Dujardin, in Schrägschrift und daneben: Imperial, in gerader Schrift.

Darauf einen Dujardin, ging ihr durch den Kopf. Ein glitzerndes Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit vor dem lächelnden Gesicht eines älteren Herrn. Olivia mochte die Fernsehwerbung. Als sie für einen Moment die Augen schloss, verwandelte sich das Gesicht des Mannes aus der Werbung und der GI von der Litfaßsäule lachte ihr zu. Erschrocken riss sie die Augen weit auf, setzte sich hastig gerade hin, als könnte sie sich auf diese Art und Weise disziplinieren.

Der Bus bog in die Bahnhofstraße ein. Als ihr Blick auf die Hauptpost fiel, erinnerte sie sich an die Ferngespräche in die USA, die sie früher, als sie noch klein war, zusammen mit ihrer Mutter dort geführt hatte. Was für ein Abenteuer … Jetzt fuhr der Bus an der Parfumerie Simon vorbei. Einige der Damen, die dort bedienten, sahen aus wie amerikanische Filmschauspielerinnen …

Bereits erschienen: „Calling USA“, Roman von Paula Dreyser, eine „deutsch-amerikanische“ Geschichte im Mainz der späten 70er-Jahre -überall im Buchhandel oder beim VA-Verlag

 

 

 

Gedanken zu Lee Barracks, RAF und Lili Marleen im Terrorherbst 1977

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Titelfoto von Michael Ciaccio, ca. 1976. Aufnahme von „Innen“

Leseprobe aus Calling USA von Paula Dreyser

Nach der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut am 13. Oktober 1977 steht die Bundesrepublik unter Schock. Die siebzehnjährige Schülerin Lydia „geht“ seit einer ganzen Weile „fest“ mit Steve, einem zwanzigjährigen GI. Am Freitag, dem 14. Oktober 1977 wartet sie vor den Lee Barracks in Gonsenheim auf ihn.

Personen: Lydia und Steve, Ellen (Lydias beste Freundin) und Ben (Steves Kumpel)

Orte des Geschehens: Lee Barracks, Gasthaus Zur Krimm

 

Freitag, 14. Oktober 1977

Um irgendetwas zu tun, warf Lydia ein Zehnpfennigstück in den knallroten Automaten und drehte den Hebel. Außer einer giftgrün gefärbten Kaugummikugel fiel ein billiger Blechring mit herzförmigem, rosa Glitzerstein in das Fach. Klasse, ein Hauptgewinn. Früher war ich ganz wild auf diesen Kram.

Während sie die klebrige Kugel in den Mund schob, trat sie von der Straße zurück und stellte sich neben den Eingang der kleinen, bei den GIs sehr beliebten Pizzeria. Von ihrer Position aus hatte sie den Haupteingang zur Kaserne im Visier, stand aber nicht völlig auf dem Präsentierteller für die Soldaten, die auf ihrem Weg zur Straßenbahnhaltestelle an ihr vorbeiliefen. Einige waren allein unterwegs, viele zu zweit oder in kleinen Gruppen. Lydia fühlte sich frei. Ihr Herz nahm an Volumen zu, dehnte sich erwartungsvoll diesem Freitagabend entgegen. Die Peter-Stuyvesant-Reklame mit dem Bild der Freiheitsstatue und dem Spruch vom Duft der großen weiten Welt fiel ihr ein.

Die meisten Soldaten bemerkten sie trotzdem, viele lächelten ihr zu. Fehlt nur noch Lili Marleens Laterne, an die ich mich lehnen könnte.

Sie warf einen hastigen Blick auf ihre Armbanduhr, sieben Uhr. Komm doch! Als sie wieder aufsah, schlenderte Steve gerade durch das Tor. Er müsste eigentlich rennen. Vor Aufregung bekam sie feuchte Hände. Instinktiv, ohne vernünftigen Grund, trat Lydia einen Schritt zurück, um sich hinter der Hauswand zu verstecken. Ein geradezu wohliger Schauer kroch ihren Rücken entlang. Wie im Kitschroman, total albern.

Steve winkte dem Soldaten im Wachhäuschen und steuerte geradewegs auf sie zu. Er wusste genau, wo sie auf ihn warten würde.

Lydia fühlte sich um ihren Spaß betrogen, spuckte den Kaugummi aus und trat wieder nach vorn.

„Hey Babe.“ Da war es wieder, sein unbeschreibliches Lächeln. Das ist meiner! Bei diesem Gedanken triumphierte sie innerlich, begann zu zittern, nicht vor Angst oder Kälte, sondern als Ausdruck eines zutiefst empfundenen Behagens. Das hier ist richtig!

„Hey.“

Sie umarmten und küssten sich. Lydia schmiegte sich an ihn. Irritiert und etwas ungehalten nahm sie zur Kenntnis, dass Steve gleich wieder von ihr abrückte.

„Lass uns ins Gasthaus an der Krim gehen“, sagte er. Samtiges Braun und schillerndes Grün. Lydia schwebte.

„Ben und deine Freundin sind schon dort.“

Ja, das wusste sie. Ben und Ellen verstanden sich gut, waren heute zusammen in der PX gewesen. Hand in Hand machten sie sich auf den Weg.

„Wie geht es so? Irgendetwas Besonderes passiert seit letztem Mittwoch?“, fragte er leichthin.

Abrupt blieb sie stehen, aus luftigen Höhen gefallen und knallhart in der Realität zurück. Fassungslos starrte sie ihn an. Ob irgendetwas passiert war? „Eine Lufthansamaschine wurde gestern von Terroristen entführt.“ Es klang wie ein Vorwurf.

Seit dem Nachmittag des Vortages berichteten die Medien davon. Das Thema beherrschte nicht nur Funk und Fernsehen, sondern auch die Gespräche der Menschen. Die Ereignisse hatten auch Lydia erreicht, die ansonsten fast alles, was außerhalb ihres deutsch-amerikanischen Mikrokosmos passierte, nur am Rande zur Kenntnis nahm. Und Steve wollte wissen, ob es etwas Besonderes gäbe? Auf welchem Stern lebte er?

Fragend zog er die Augenbrauen nach oben. „Davon habe ich nichts gehört“, antwortete er mit einem unergründlichen, merkwürdig verschlossenen Gesichtsausdruck.

Lydia traute ihren Ohren nicht. „Hast du mitgekriegt, dass die RAF einen wichtigen Mann der deutschen Wirtschaft entführt hat?“

„Nein.”

“Den Namen Schleyer schon mal gehört?”

Langsam schüttelte er den Kopf. Kaum merklich fror seine Mimik ein. „Wieso redest du in diesem aggressiven Ton mit mir? Was soll das werden, ein Verhör?“

Lydia schluckte, versuchte, sich zu mäßigen. „Steve, ständig wird davon berichtet. Ihr hört doch auch Radio und seht fern.“

„Klar, wir hören AFN und lesen die Stars and Stripes. Zum Appell kriegen wir die neuesten Nachrichten aus den USA und alle Informationen, die unsere Streitkräfte betreffen, mitgeteilt.“

Sie sehen und hören keine deutschen Sender. Die Verblüffung über diese Erkenntnis nahm Lydia den Wind aus den Segeln. Im nächsten Moment wurde ihr etwas klar: Natürlich nicht, sie sprechen ja kein Deutsch. Irgendwie leben wir doch in zwei verschiedenen Welten. Der Gedanke stimmte sie traurig.

Entschlossen nahm er ihre Hand, um weiterzugehen.

Lydia fühlte sich gemaßregelt, spürte, dass er sauer war, konnte aber keine Ruhe geben. „Was ist mit der RAF, Rote Armee Fraktion, Baader-Meinhof-Gruppe?“ Mist, das hört sich schon wieder schulmeisterlich und ziemlich spitzfindig an.

„Wir GIs kümmern uns um unsere eigenen Angelegenheiten.“ Das klang arrogant.

Von einer Litfaßsäule am Straßenrand starrten ihnen die schwarz-weißen Gesichter von zwölf noch flüchtigen RAF-Terroristen entgegen. Mühsam verbiss sich Lydia einen Kommentar.

Den Rest des kurzen Weges schwiegen sie. Mit dem Betreten des Lokals löste sich die schlechte Stimmung zwischen ihnen auf. Alles war wie immer, eine Kneipe, in der Freunde warteten, Zigarettenrauch, leichter Bierdunst, dazu Glen Campbells Wichita Lineman.

Ben und Ellen winkten stürmisch, waren offensichtlich bester Laune.

Sie setzten sich zu ihnen.

„Hey.“

„Alles klar bei dir?“ Lydia griff über den Tisch und berührte ihre Freundin leicht an der Schulter.

Vor zwei Wochen war Ellen aus dem Haus ihrer Eltern ausgezogen, nachdem die ständigen Streitereien mit ihrem Vater, der zu viel trank, eskaliert waren. Mit Hilfe ihrer Mutter hatte sie ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gefunden. Ellen war bereits neunzehn Jahre, also volljährig. Bei dem Umzug hatten Schulkameraden und amerikanische Freunde geholfen.

„Alles bestens“, erklärte Ellen aufgeräumt. „Ben regt sich immer noch über das einfache Badezimmer in meiner WG auf. Vor allem die Badewanne findet er altertümlich. Er hat auch überhaupt kein Verständnis dafür, wenn Leute nicht jeden Tag duschen.“

Ben nickte heftig. „Nur GIs im Manöver sind entschuldigt“, erklärte er.

„Na ja, ich kenne viele Leute, die gar keine Dusche haben. Es ist noch nicht lange her, da war Samstag Badetag.“ Die  irritierten Gesichter der beiden Männer amüsierten Lydia.

„Unter der Woche gab es nur Katzenwäsche“, fügte Ellen hinzu, die offensichtlich ebenfalls ihren Spaß hatte.

Die Amerikaner schüttelten die Köpfe. Bei der jungen Kellnerin bestellte Steve für sich ein Bier und für Lydia eine Bluna.

„Mann, das vermisse ich, korrekte Duschen.“ Ben zündete sich eine Zigarette an.

Steve lachte. „Ja, und die Autos!“

Lydia und Ellen wechselten einen vielsagenden Blick. Sie mochten die riesigen amerikanischen Kutschen überhaupt nicht.

„Was vermisst ihr denn sonst noch so?“, wollte Ellen wissen.

Lydia war ganz Ohr.

„Angeln im Ozean. Zelten mit den Kumpels.“ Das war Steve.

Ja, New Jersey lag ja am Meer.

„Autokinos und Eistee.“ Genüsslich zog Ben an seiner Zigarette.

„Mit jeder Menge Eiswürfel.“ Steve strahlte über das ganze Gesicht, fuhr sich unbewusst mit der Zunge über die Lippen. „Geschäfte, die immer offen sind“, fiel ihm noch ein.

Nachdem die Kellnerin die Getränke für Steve und Lydia serviert hatte, erhob Ben sein Glas und prostete seinem Kumpel zu. „Lass uns darauf trinken, dass das hier irgendwann vorbei ist, und dann heißt es ‚back to the world‘.“

Sie stießen ihre Biergläser gegeneinander.

Lydia erstarrte.

„Wie lange hast du eigentlich noch, Steve?“ Ben war offensichtlich bester Laune.

Bei dieser Frage schnürte sich Lydias Hals zu.

„Zwanzig Monate, zwei Wochen, drei Tage.“

Lydia fühlte Ellens besorgten Blick auf sich ruhen. Sie sah zu ihrer Freundin und lächelte tapfer. Bis dahin blieb ihnen ja noch jede Menge Zeit.

Steve schwelgte mit Ben in Erinnerungen an Highschool-Partys, Truthahnessen an Thanksgiving und Weihnachten in den Staaten.

Lydia und Ellen waren ausgeschlossen, zum Publikum degradiert.

Von einer Sekunde zur nächsten verwandelte sich Lydias Beklemmung in Wut. Back to the world! Das ich nicht lache. Hier bei uns spielt die Musik. Sie spürte einen unbändigen Drang, Steve und Ben etwas entgegenzuhalten, einen Kontrapunkt zu setzen. Plötzlich hatte sie genug von dem ewigen sich zurücknehmen, sich ruhig verhalten, nicht auffallen …

„Weißt du das Neueste von der Landshut-Entführung?“, wandte sie sich direkt an Ellen, sprach aber Englisch.

Die verstand sofort, worum es ging.

„Mittlerweile ist klar, dass es einen Zusammenhang zwischen der Flugzeugentführung und der Schleyersache gibt. Die palästinensischen Terroristen und die RAF kooperieren.“

„Terroristen, die sollte man aufhängen“, sagte Ben schlicht.

„Bei uns gibt es keine Todesstrafe“, entgegnete Ellen sachlich.

„Leider, ich sehe das genauso wie Ben“, erklärte Steve. Er hielt die Innenfläche der rechten Hand nach oben, um seine Worte zu unterstreichen.

Bei dieser Geste wurde es Lydia wieder warm ums Herz. Ich kenne ihn so gut.

„Wenn es hundertprozentig bewiesen ist, dass jemand gemordet hat, bin ich auch für die Todesstrafe. Das gilt auf jeden Fall für Terroristen“, fuhr Steve fort.

Ben nickte. „Red Army Faction.“

Steve deutete mit dem Zeigefinger auf seinen Freund. „Du sagst es, Mann.“

Überrascht sah Lydia von einem zum andern. Sie wussten ja doch etwas.

Jetzt wandte Steve sich ihr zu. Seine Augen funkelten, die Andeutung eines Lächelns lag auf seinem Gesicht, aber da war noch etwas in seiner Miene – ein Anflug von Spott.

„Vor einigen Jahren wurden Bombenanschläge auf unsere Hauptquartiere in Frankfurt und Heidelberg verübt, beide Attentate in einem einzigen Monat. Dabei kamen Soldaten und zivile Bedienstete ums Leben. Das geht auf das Konto der RAF.“

Lydia horchte auf, zu verblüfft, um verärgert zu sein. Hatte er sie reingelegt? Oder war sie ihm nur auf die Nerven gegangen?

 

„Calling USA“, Roman von Paula Dreyser, eine „deutsch-amerikanische“ Geschichte im Mainz der späten 70er-Jahre

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Es war einmal: Öffentliche Telefonzellen oder – etwas Privatsphäre unter schwierigen Bedingungen

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Leseprobe aus Calling USA von Paula Dreyser / Cover für die 2. AuflageFotos: Minya Backenköhler, Mainz; Fotolia, Urheber psdesign1 (57908455) und fotomek (54212049 + 96845895)

Mainz im August 1977

Die siebzehnjährige Schülerin Lydia „geht“ seit etwa zwei Monaten mit Steve, einem zwanzigjährigen GI. Lydias Eltern wissen noch nichts davon. Mit ihrer Freundin und Vertrauten Steffi sucht sie eine Telefonzelle auf, um Steve in den Lee Barracks anzurufen.

Ort des Geschehens: Telefonzelle in Mainz-Bretzenheim, Bahnstraße vor der Reinigung

 

„Mann.“ Steffi konnte es nicht fassen. „Keine Schlange davor.“

Lydia öffnete die Glastür der Telefonzelle und hielt sie einen Moment fest, damit die Kabine wenigstens etwas auslüften konnte. „Ist eigentlich nur selten der Fall, dass ich hier warten muss, höchstens mal am Wochenende. Aber an einem Donnerstagnachmittag wie heute ist damit nicht zu rechnen“, erklärte sie.

„Bei den Telefonzellen am Neubrunnenplatz oder in der Nähe vom La Bastille, die ich meistens benutze, ist das anders.“ Steffi stöhnte. „Ist fast immer jemand drin. Wenn ich am Wochenende telefonieren will, stehen regelmäßig mehrere Leute davor.“ Zögernd betrat sie den engen Raum und schaute sich vorsichtig um. „Die sind auch viel dreckiger als diese.“ Sie schnüffelte. „Stinkt hier auch nicht so.“

Lydia folgte ihr, was nicht ganz einfach war, denn die Falttür öffnete nach innen. Bis sie wieder zufiel, war der ohnehin begrenzte Platz noch spärlicher. Wollte man zu zweit hinein, musste man sich reinquetschen.

Sie atmeten auf, als die Glastür hinter ihnen wieder zugefallen war, obwohl dadurch die Luftzufuhr fast abgestellt wurde.

„Ja, in der Stadt gibt es ein paar, die sehr übel sind.“ Lydia legte ihre Tasche auf die Ablage, unter der die Telefonbücher hingen. „Wieso läufst du so weit? Ich kann ja verstehen, dass du das Telefonhäuschen in der Leibnizstraße nicht benutzen willst. Da könnten deine Eltern vorbeikommen und misstrauisch werden, aber in den Seitenstraßen gibt es doch bestimmt auch welche.“

Steffi lehnte sich gegen die Glaswand. „Sonntags gehe ich manchmal raus, weil mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Ist Zeitvertreib, durch die Stadt zu laufen und eine Telefonzelle zu suchen. Die in der Nähe vom La Bastille gefällt mir am besten. Irgendwie fühle ich mich da gut und …“ Sie zuckte die Schultern. „… sicher.“

Lydia nickte. Die Diskothek war das Zentrum ihres Mikrokosmos, in dem sie sich frei und gleichzeitig geborgen fühlten.

„Mach jetzt!“ Steffi nahm den Hörer ab und hielt ihn Lydia ans Ohr.

„Alles klar, es tutet in der Leitung, der Apparat ist nicht kaputt. Lass uns die Zehner zählen.“

Sie nahmen alle Zehnpfennigstücke aus ihren Geldbörsen und legten sie auf die Ablage neben die Taschen.

„Zehn, eine Mark, das dürfte reichen.“ Lydia atmete tief durch.

„Lass uns noch eine Mark als Reserve dazulegen.“ Steffi war gründlich.

Eigentlich kostete ein Ortsgespräch nur zwanzig Pfennige, aber man wusste nie, wie viele Zehner durchfielen, ohne dass man den Grund dafür erkennen konnte. Manchmal schluckten die Telefone auch mehr Geld, die Ursache dafür blieb ebenfalls ein Geheimnis.

In der Kaserne anzurufen verursachte immer Stress. Sich dafür mit einer Freundin zusammenzutun, war ein beliebtes Vorgehen. Sie fühlten sich auf diese Weise nicht so allein und mutiger, gleichzeitig regten sie sich aber gegenseitig noch mehr auf.

Bisher lief für Steffi und Lydia alles sehr gut. Auf Anhieb hatten sie eine leere Telefonzelle in vernünftigem Zustand gefunden und verfügten über ausreichend Geld. Der Apparat schien zu funktionieren. Genau würden sie das aber erst wissen, nachdem sie die Wählscheibe bedient hatten.

An diesem nur mäßig warmen Augusttag waren die klimatischen Bedingungen in der Kabine vergleichsweise günstig. Trotzdem begannen sie zu schwitzen. Drei Seiten der Zelle bestanden aus Glas, eingefasst in breite, leuchtend gelbe Stahlblechstreifen. An der einzigen Stahlwand gegenüber der Tür hing das Telefon und rechts daneben etwas weiter unten eine Vorrichtung für die Bücher. Die Sonne hatte den Innenraum natürlich aufgeheizt. Die kurze Stoßlüftung wirkte sich nur für einen Moment aus, bis ihre Wirkung komplett verpuffte. Durch die aufkommende Hitze machten sich all die Düfte nach und nach bemerkbar, die permanent im Inneren schwelten, kalter Zigarettenrauch, Schweiß, Parfum und einige undefinierbare Duftnoten, eine im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Mischung.

„Patchouli!“ Lydia stöhnte, während sie aufgeregt in ihrer Umhängetasche nach dem Zettel mit der Telefonnummer suchte.

„Ist fast so schlimm wie Moschusöl.“ Steffi schluckte schwer. Dann starrte sie erstaunt auf das Stück Papier. „Weißt du die Nummer nicht auswendig?“

„Doch, aber ich fühle mich besser, wenn ich für den Notfall einen Spickzettel habe.“ Lydia spürte Schweißtropfen auf ihrer Stirn. „Mir wird manchmal beim Wählen für einen Moment schwarz vor Augen.“

„Kenn ich.“

Die Kombination aus Gestank, Wärme und Aufregung schlug schnell auf den Kreislauf. Steffi stöhnte und öffnete die Tür. Im Kontrast zu der abgestandenen Luft war das, was jetzt hereinströmte, frisch. Sie atmeten auf.

Als Leute vorbeigingen, schloss Steffi die Tür wieder. „Los jetzt! Mach schon!“

Lydia zitterte. Sie hatte schon früher in der Kaserne angerufen, aber dies war das erste Mal, dass es um Steve ging. Telefongespräche in die amerikanische Kaserne waren immer spannend, konnten sich geradezu dramatisch gestalten und ausarten. Eine entscheidende Rolle für den Ablauf des Geschehens spielte derjenige, der gerade Telefondienst hatte, der CQ, Charge of Quarters.

„Mensch Lydia, beeil dich, mir ist schon flau.“ Steffis Gesichtsfarbe veränderte sich.

„Ich kann noch nicht.“ Lydia stöhnte. „Eine Zigarette würde helfen, nur ein paar Züge.”

“Spinnst du, wir können in diesem Käfig doch jetzt nicht rauchen.” Steffi tippte sich an die Stirn.

“Wir rauchen draußen. Sollte jemand kommen, gehen wir schnell wieder rein.“

Steffi überlegte kurz, dann nickte sie. “Okay.“

Sie stießen die Tür auf, schlängelten sich nach draußen, zündeten eine Kool für beide an und zogen abwechselnd daran.

„Wenn mir jetzt der CQ erzählt, dass Steve mit einer anderen unterwegs ist, fahre ich sofort in die Barracks.“ Lydias Nervosität nahm zu.

„Da kommst du ja nicht rein.“ Steffi nahm die Zigarette und zog genussvoll.

„Manchmal geht es. Jemand muss für dich bürgen oder so ähnlich.“

In diesem Moment bog ein älterer Herr um die Straßenecke und spazierte gemütlich, aber zielstrebig auf die Mädchen zu. Steffi ließ die Zigarette fallen, trat sie aus und huschte hinter Lydia in das Häuschen. Der an ihnen haftende Rauch hing sofort wie eine übelriechende Wolke in der Kabine. Seelenruhig ging der Herr außen vorbei. Entgeistert sahen sie sich an, um dann leicht hysterisch loszulachen. Bis sie sich beruhigten, dauerte es eine Weile.

„Los jetzt“, japste Steffi, nahm den Hörer ab, reichte ihn Lydia und warf das erste Zehnpfennigstück in den dafür vorgesehenen Schlitz. Sie lauschten aufmerksam, andächtig. Die Münze blieb im Apparat, es hatte funktioniert. Die Nächste fiel allerdings durch.

„Mist!“ Steffi versuchte es wieder. Nach zwei weiteren Fehlschlägen blieb der Zehner im Kasten.

Mit zittriger Hand wählte Lydia sorgfältig eine Ziffer nach der anderen, während sie den Hörer ans Ohr hielt. Bei der vorletzten Zahl drehte sie die Scheibe nicht weit genug, sodass die Verbindung unterbrochen wurde. Lydia gab einen undefinierbaren, kläglichen Laut von sich.

„Oh!“ Steffi, mittlerweile kreidebleich im Gesicht, öffnete schnell die Tür und stellte sich dicht an den Spalt.

Wieder wählte Lydia, konzentrierte sich dabei so stark, dass sie einen Druck auf der Stirn verspürte. Diesmal klappte es. Aus dem Hörer tönte auch kein Besetztzeichen. Die Leitung war frei. Sie nickte Steffi zu, die wieder etwas Farbe im Gesicht hatte.

Am anderen Ende der Leitung nahm jemand den Hörer ab. „A Company, Fourth of the 69th Armor, Specialist Harrison speaking. How can I help you?”

“May I please talk to Private Gardner?” Lydias Stimme klang erstaunlich fest.

“Let me see, Mam. Just a moment.“ Der Soldat hielt den Hörer jetzt wohl zur Seite und sagte etwas, was Lydia nicht verstand.

Steffi blickte sie mit großen Augen erwartungsvoll an.

„Er spricht mit jemandem“, flüsterte Lydia. Die Anspannung, unter der sie stand, steigerte sich ins Unerträgliche.

Steffi stellte sich jetzt direkt neben sie und hörte mit. Es knackte. Am anderen Ende der Leitung wurde gesprochen, gelacht. Wortfetzen waren zu verstehen: Lady, Gardner, shower. Wie von der Tarantel gestochen fuhren sie auf und warfen sich einen alarmierten Blick zu. Shower, das absolute Unwort bei einem Gespräch mit dem CQ. Als Nächstes würde der diensthabende Soldat behaupten, dass Steve unter der Dusche stünde, was meistens bedeutete, dass er keine Lust hatte, jemanden nach ihm zu schicken. Würde Lydia in einer halben Stunde anrufen, bekäme sie höchstwahrscheinlich die gleiche Antwort.

Wieder knackte es. Dann war ein Rascheln zu hören. Jemand lachte. Worte fielen: girl, nice voice, downtown, La Bastille. Dann entstand eine Pause. Der Moment dehnte sich aus, dauerte ewig.

Lydia kam ein absurder Gedanke. Die Zeit in der Telefonzelle verstreicht für uns langsamer als außerhalb im richtigen Leben, genau wie bei der Besatzung der Enterprise, wenn sie durch ein Schwarzes Loch fliegt. Gerade als sie Steffi das erzählen wollte, erklang Steves Stimme gut gelaunt aus dem Hörer. „Hey Babe.“

Vor Erleichterung wurde ihr schwindlig.

Auch Steffi strahlte. Sie lächelte Lydia zu, bevor sie nach draußen ging. Das gehörte zum Verhaltenskodex.

 

„Calling USA“, Roman von Paula Dreyser, eine „deutsch-amerikanische“ Geschichte im Mainz der späten 70er-Jahre

  • überall im Buchhandel, vorrätig im Antiquariat am Fischtor, bei Buchhandlung Exlibris in Bretzenheim, Shakespeare und so in der Gaustraße, Dombuchhandlung
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Schloss-Gymnasium, Zeitungsente, Hauptbahnhof 1978: Schmetterlinge im Bauch und Gedanken zum Kalten Krieg

zeitungsente

 

Leseprobe aus „Calling USA“ von Paula Dreyser

Mainz, im Mai 1978: Die siebzehnjährige Schülerin Lydia hat sich gerade in Steve verliebt, einen zwanzigjährigen GI. Sie sind noch nicht zusammen, er ist im Manöver. In Lydias Schule, dem Schloss-Gymnasium, entspinnt sich vor dem Unterricht eine Unterhaltung über den Kalten Krieg, die Bundesrepublik, die DDR … Auf einige Meinungen reagiert Lydia höchst empfindlich.

Beteiligte Personen: Lydia; ihre beste Freundin Ellen; die Schulkameraden Mark, Peter und Walter

Orte des Geschehens: 1. Klassenraum im Schloss-Gymnasium, 2. Neubrunnenplatz – ZeitungsenteComo LarioLustenberger, 3. Hauptbahnhof

„Truman Doktrin? Ist mir im Moment ziemlich egal“, erklärte Mark gut gelaunt.

Lydia und Ellen saßen auf einem Tisch in ihrem Klassenraum im Schloss-Gymnasium. Mark hockte rücklings auf seinem Stuhl, grinste sie an, lehnte sich leicht nach hinten und streckte zufrieden die Arme nach oben.

Er ist keiner von den verständnisvollen Teetrinkern, die ständig diskutieren und nichts von Sport halten, dachte Lydia. Sie ertappte sich dabei, wie sie Mark mit Steve verglich. Sofort breitete sich Hitze in ihrem Bauch aus. Damit war der kurze unbeschwerte Moment vorbei. Wieder überfiel sie diese nervöse Unruhe, gepaart mit einer unterschwelligen Übelkeit. Sie aß nicht viel, rauchte stattdessen mehr als sonst. Schule und Freizeit berührten sie kaum, die Tage flogen an ihr vorbei. Auf eine lähmende Art fühlte sie sich einsam. Steves leuchtender Blick ging ihr nicht aus dem Sinn. Ständig spürte sie einen Druck auf dem Magen.

„In fünf Minuten geht es los.“ Ellen stöhnte.

Sozialkunde bei Herrn Krause war eigentlich Politikunterricht. Seit einigen Wochen langweilte der Lehrer die Klasse mit seinem absoluten Lieblingsthema, dem Kalten Krieg.

Mehrere Schüler, ausnahmslos männliche, betraten jetzt den Klassenraum, nickten kurz herüber und verteilten sich dann auf die hinteren Sitzplätze. Erst seit dem vorhergehenden Jahrgang nahm das Gymnasium auch Schülerinnen auf. Für einige Lehrer schien es eine große Herausforderung zu sein, sich an weibliche Schüler zu gewöhnen. Lydia war sich immer noch nicht darüber im Klaren, ob die Vorteile des deutlichen Jungenüberschusses den ebenfalls damit einhergehenden Stress und die ständige Anspannung überwogen. Immer gut auszusehen und herbe Anspielungen zu parieren, kostete einige Anstrengung.

„Auf jeden Fall wüsste ich Besseres mit meiner Zeit anzufangen.“ Mark verschränkte die Hände hinter dem Kopf und zwinkerte. Das halblange, kaum frisierte Haar gab seinem Äußeren etwas Verwegenes.

Kurze Haare find ich besser. Lydia stöhnte innerlich auf. Sie war außerstande, an etwas anderes zu denken. Auf welchen Umwegen auch immer, ihre Gedanken landeten am Ende wieder bei ihm.

„Es wird Zeit, dass die Amis sich zurückziehen. Krieg ist vorbei, Nachkriegszeit ist rum. Was soll’s?“ Mark fischte eine Zigarette aus der Hosentasche und steckte sie in einen Mundwinkel, natürlich ohne sie anzuzünden.

Lydia traute ihren Ohren nicht. Hatte Mark das wirklich gesagt?

„Schon mal was davon gehört, dass die Russen sich nach dem Zweiten Weltkrieg den gesamten deutschen Osten einverleibt haben? Die Amerikaner sind hier, um dafür zu sorgen, dass die Russen nicht auch noch den Westteil übernehmen“, ereiferte sich Ellen.

Lydia hätte ihre Freundin gerne unterstützt, aber sie war außerstande, sich zu artikulieren.

„Die Amerikaner sind gnadenlose Kapitalisten. Die beuten nicht nur ihre eigenen Leute aus, sondern überfallen und besetzen andere Länder.“ Hinter ihnen schnellte Walter wie ein Stehaufmännchen von seinem Sitz hoch.

Erschrocken fuhr Lydia zusammen. Ellen warf dem kleinen, molligen Walter einen giftigen Blick zu. Lydia war sprachlos. Mann, dieses Engelsgesicht mit den fanatischen Augen, dachte sie erbost.

Walter erinnerte mit den kinnlangen, hellbraunen Locken, die sein rundliches Gesicht umrahmten, tatsächlich entfernt an einen Rubensengel, allerdings nur, wenn er nicht politisch wurde wie jetzt. Seine braunen Augen unter neiderregend langen Wimpern leuchteten dann ein wenig irre. Mark schien sich köstlich zu amüsieren.

Walters Augen sprühten Funken, sein Gesichtsausdruck wirkte leicht verzerrt. Von einem Rubensengel hatte er nichts mehr an sich. Er holte tief Luft. Energiestöße schienen von ihm auszugehen. Irgendwie schaffte er es, die drei Zuhörer vollkommen in seinen Bann zu ziehen. Alle starrten ihn an, Lydia und Ellen mit unverhohlener Abneigung, Mark immer noch amüsiert, aber auch mit einem gewissen Interesse.

Walter hob den Zeigefinger. „Vietnamkrieg, ich sage nur, Vietnamkrieg!“ Er spuckte die Worte förmlich aus, fuhr dann etwas ruhiger fort. „Und die Russen versuchen wenigstens, das Volksvermögen umzuverteilen, damit alle etwas davon haben.“

Stille trat ein.

Lydia kam es so vor, als müssten die Energiewellen sich erst verflüchtigen, bevor weitergeredet werden konnte. Urplötzlich baute sich Panik in ihr auf und sie wäre am liebsten aus dem Raum gelaufen. Ich darf mich nicht aufregen, sonst schnappe ich über. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen.

„Na das ist ja wohl graue Theorie.“ Ellen sprach jetzt erstaunlich ruhig und sachlich. „Die Planwirtschaft in der Sowjetunion funktioniert doch überhaupt nicht. Und diejenigen, die am Ende ganz bestimmt leer ausgehen, das sind die kleinen Leute. Die Funktionäre haben ihre speziellen Bezugsquellen. Im Übrigen ziehe ich es vor, meine Meinung offen aussprechen zu dürfen.“

„Also, das ist nur ein Teil vom Ganzen.“ Mark setzte sich jetzt aufrecht und schaute ungewöhnlich ernst drein.

Lydia musste sich eingestehen, dass er nicht unattraktiv war.

„Mein Vater ist Gesamtvertriebsleiter für den Bereich Optik in den Schott Glaswerken. Die Firma macht Geschäfte mit dem Osten. Mein alter Herr fährt auch zur Glasmesse nach Leipzig.“

Darauf folgte Schweigen. Über derartige Verbindungen zwischen Bundesrepublik und DDR hörte man viel weniger als über die Unterschiedlichkeit der politischen und wirtschaftlichen Systeme.

„Klar, die Sowjetunion braucht westliche Technologie“, ließ sich Ellen nach einer Weile vernehmen.

Obwohl Lydia eine ähnliche Äußerung auf der Zunge lag, fand sie, dass die Bemerkung irgendwie einstudiert klang.

In diesem Moment flog die Tür auf und Peter betrat den Raum. Auch er war groß und sehr schlank, aber kurzhaarig und eher unauffällig gekleidet. Er setzte sich auf seinen Platz hinter der Gruppe, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, verschränkte die Hände unter dem Kinn und schaute betont artig in die Runde. „Hallo, die Damen und der Herr.“

Für einen Moment fühlte Lydia sich verzaubert. Mit dem Klang seiner unerwartet tiefen, vollen Stimme zog Peter sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Warum kann ich mich nicht in ihn verlieben?

„Gut, dass du kommst, Peter“, erklärte Mark. „Walter will, dass die Russen hier einmarschieren und übernehmen.“

Walter runzelte die Stirn, stöhnte laut und schüttelte den Kopf. Auf dem schwarzweißen Palästinensertuch, das um seinen Hals geschlungen war, steckte ein Button mit der Aufschrift: Solidarität für Nicaragua!

„Oh“, entgegnete Peter, „dann flieg ich aber vorher mit der Propellermaschine nach Amerika.“

Alle lachten. In der vorherigen Sozialkundestunde hatte der Lehrer die Klasse danach gefragt, welches Bild sie als Kinder von den USA und den Amerikanern gehabt hatten. In der darauf folgenden Fünfminutenpause unterhielten sich einige Schüler weiter über das Thema. Peter hatte erzählt, dass seine Großmutter, als er noch klein war, immer dann, wenn sie zusammen mit ihrem Enkel einen Hubschrauber am Himmel sah, dem völlig faszinierten Peter erklärte, dass diese Propellermaschine jetzt nach Amerika fliegen würde.

„Dann ziehst du aber wieder die Krachledernen an“, fiel Ellen gut gelaunt ein.

Wieder lachten sie. Lydia stellte sich einen süßen, scheuen Fünfjährigen in kurzer Lederhose vor, und ihr wurde warm ums Herz.

„Ich hab es schon das letzte Mal gesagt“, bezog sich Walter auf dieses Gespräch. „Die USA ist nicht so wie in der Peter-Stuyvesant-Reklame, von wegen Hauch der großen weiten Welt und dahinter die Freiheitsstatue.“ Er schnaubte verächtlich und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.

„So?“ Peter zog die Augenbrauen nach oben. „Wie denn dann?“ Die leichte Ironie war typisch für ihn.

Wieder trat Stille ein. Keiner von ihnen war bisher in den USA gewesen. Ihr Amerikabild basierte in Bezug auf das aktuelle politische Geschehen im Wesentlichen auf Nachrichten und Zeitschriften, was die Vorstellung von Land und Leuten betraf, vor allem auf amerikanischen Filmen und Serien.

„Also, ich gehe davon aus, dass man in den USA sich für deutlich weniger Geld viel mehr kaufen kann als bei uns. Ich kenne einen GI. Mit dem gehe ich manchmal in die PX. Da kriegst du die neueste Kenwood-Anlage für einen Spottpreis.“ Herausfordernd blickte Mark in die Runde und genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit, die ihm alle entgegenbrachten.

PX, oh Mann – wie klasse!“ Ellen geriet in Verzückung.

„Gigantisch ist auch die Double-Cheese-Pizza.“ Mark machte ein schmatzendes Geräusch, um seine Äußerung zu unterstreichen. „Die gibt es im NCO Club.“

Angeekelt verzog Walter das Gesicht.

„Die Schauspielerinnen sehen auf jeden Fall immer extrem gut aus“, meldete sich Peter jetzt zu Wort.

Alle außer Walter nickten. Lydia dachte daran, wie bieder und bäurisch sie sich vorkam, wenn Amerikaner Bilder von ihren Schwestern oder Freundinnen von zu Hause herumzeigten. Die Mädchen sahen aus wie Leinwandstars, mit tollen, langen Haaren, perfekt geschminkten Gesichtern und einem filmreifen Lächeln, kein Vergleich zu deutschen Passbildern.

„Die Schauspieler sind auch echt attraktiv“, erklärte Ellen schwärmerisch, verdrehte die Augen und fügte hinzu: „Gary Grant, James Cooper, die von Hawaii Five-0 …“

„Mark Spitz!“ Lydia erwachte aus ihrer Erstarrung.

„Das ist ein Schwimmer, Mädel.“ Mark grinste.

Lydia wurde rot. Ja, das wusste sie natürlich. Unkonzentriert und durcheinander, wie sie nun einmal war, hatte sie sich ganz auf den Aspekt des extrem guten Aussehens von Amerikanern konzentriert und nicht mitgekriegt, dass es gerade ausschließlich um Schauspieler ging.

Wieder wurde die Tür geöffnet. Gefolgt von einer lauten Horde Schüler betrat Herr Krause den Raum. „Meine Damen und Herren“. Der Lehrer war offensichtlich in bester Laune. „Ich bitte, Platz zu nehmen, das Reden einzustellen und meinen geistreichen Ausführungen zu lauschen.“

 

Von der Großen Bleiche kommend schlenderte Peter über den Neubrunnenplatz. Er wohnte in der Leibnizstraße, hatte es aber heute nicht eilig, von der Schule nach Hause zu gehen. Deshalb machte er einen Umweg. Mit seiner Mutter und deren Mutter lebte er in einer Dreizimmerwohnung in einem der typischen Mietshäuser der Mainzer Neustadt, erbaut nach dem Krieg, grau und schmucklos, mit mindestens zehn Parteien, allerdings mit gut funktionierender Nachbarschaft. Dort fühlte er sich keineswegs unwohl, aber mitunter war es ihm zu eng, nicht nur im räumlichen Sinn. Die Propellermaschinen gingen ihm seit dem Gespräch vor der Sozialkundestunde nicht aus dem Kopf. Wieder fühlte er sich wie der kleine Junge, der voller Sehnsucht den Hubschraubern nachgeblickt hatte. Jetzt, mit neunzehn, waren die Vereinigten Staaten von Amerika für ihn genauso faszinierend und atemberaubend wie für den kleinen Kerl in der Lederhose; ein anbetungswürdiges Land mit nicht nur schönen Bewohnern, nein, in diesem Land lebten auch die besseren Menschen! Hartnäckig hielt er daran fest, dass der typische Amerikaner attraktiv und gut gekleidet war, der Herr wie Gary Grant, die Dame wie Lauren Bacall. Diese Vorstellung liebte er, obwohl er mittlerweile wusste, dass sich die Realität von der glitzernden Filmwelt unterschied.

Irritiert blickte er auf, weil ihn etwas in seinen Gedanken gestört hatte.

Mittlerweile hatte er den Platz überquert und befand sich in der Neubrunnenstraße vor dem Lustenberger. Motorräder, für die er sich nicht die Bohne interessierte, standen nicht nur in den Schaufenstern, sondern auch auf dem Gehweg.

Auf der anderen Seite der schmalen Straße verließen gerade fünf amerikanische Soldaten in Zivil laut redend die Zeitungsente. Einer sang Oh My Darling Clementine. Zu erkennen war das Lied am Text, nicht an der Melodie. Der Sänger hielt eine Bierflasche in der Hand und torkelte.

Traurig seufzte Peter. In seinen Augen waren das nicht die echten Amerikaner. Wie schon früher fragte er sich, ob solche Typen Deutschland wirklich beschützen konnten. Geradezu erschrocken und schuldbewusst bejahte er die Frage im Stillen, denn ganz tief in seinem Innern, da wo ein kleiner Junge all die Ideen und Vorstellungen angesammelt hatte, welche die Grundpfeiler seiner Welt bildeten, war sein Vertrauen in die Schutzmacht USA unerschütterlich.

Die Soldaten auf der anderen Straßenseite unterhielten sich für seinen Geschmack noch immer viel zu laut. Als er zu ihnen hinüberschaute, blickte der angetrunkene Sänger ihm direkt in die Augen. Grüßend hob der Amerikaner die Hand und lachte.

Obwohl er sich zunächst dagegen sträubte, lächelte Peter. Schließlich nickte er dem Soldaten sogar zu. Als er weiterging, kopfschüttelnd über die Szene, die er gerade erlebt hatte, fiel sein Blick auf ein Werbeplakat im letzten Schaufenster des Motorradgeschäftes. Er blieb stehen und erkannte erst auf den zweiten Blick, dass sich Woody Allen und Diane Keaton auf einem Strand gegenüberstanden. Im Hintergrund schimmerte Wasser vor einem Gebilde, bei dem es sich vielleicht um einen langen Steg handelte. Der Stadtneurotiker, Kinostart 9.6.1977, las er. Der Film lief bereits in den Kinos. In den Ferien würde er sich ihn auf jeden Fall ansehen.

Aus weiter Ferne hörte er noch einmal ein herzzerreißendes Oh My Darling Clementine. Das entlockte ihm ein Lachen. Ohne erkennbaren Grund war er glücklich. Das Gefühl kam angeflogen, aus heiterem Himmel. Unwillkürlich nickte er heftig, noch immer leise vor sich hin lachend, als würde er einem Gesprächspartner ausdrücklich zustimmen. Peter war froh, froh darüber, in der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone zu leben und nicht in einer anderen, auch wenn sich nicht alle Soldaten benahmen wie Gary Grant.

 

Interessiert beobachtete Mark die beiden Militärpolizisten, die vor dem Fenster des Busses entlangpatrouillierten. Er bildete sich ein, dass die Leute, die geschäftig über den Bahnhofsplatz eilten, automatisch respektvollen Abstand zu den Männern mit den grellen weißen Buchstaben MP auf den schwarzen Armbinden hielten. Die Ströme der Menschen teilten sich in einer einzigen fließenden Bewegung, um sich hinter den Uniformierten wieder zu vereinen.

Wie immer zogen der Schlagstock und die Pistole am Gürtel seinen Blick magisch an. Verrückt, dachte er, ich bin doch Pazifist.

Um den Männern weiter hinterhersehen zu können, drehte er den Kopf so weit wie möglich und blickte über die Schulter. Als der Bus losfuhr, konnte er aus den Augenwinkeln gerade noch erkennen, dass die Militärpolizisten vor einem Soldaten in Zivil standen. Ob sie nur mit ihm redeten oder im Begriff waren, ihn festzunehmen, war nicht auszumachen.

Hoffentlich hat er nichts ausgefressen. Dann kam ihm ein weiterer völlig unpassender Gedanke: Plastikhelme! Harald, sein älterer Cousin leistete den Wehrdienst bei den Feldjägern ab. Er behauptete, dass die Helme der MP aus Plastik bestehen würden. In seinen Ausführungen schwang immer mit, dass echte Männer Stahlhelme trugen.

Ende der Leseprobe

„Calling USA“, Roman von Paula Dreyser, eine „deutsch-amerikanische“ Geschichte im Mainz der späten 70er-Jahre

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  • oder beim VA-Verlag: http://goo.gl/cvAR6F

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Webseite Paula Dreyser: http://www.paula-dreyser.de/de/

Facebook: https://www.facebook.com/pauladreyser/

Foto: Zeitungsente 1978 aus der Sammlung von Meikel Dachs

Johannisfest 1978, GIs und – die Sache mit den Wiesbadenern

 

 

Lee Meikel 1
Blick auf die Rheinstraße in Mainz, 1976, Foto: Liborio Lee Palermo II, bearb. von Meikel Dachs
Echte Meenzer, 1971
Wilhelmstraße in Wiesbaden, 1971. Aus der Sammlung von Meikel Dachs.

 

Eine Leseprobe aus „Calling USA“ von Paula Dreyser 

Der Roman spielt Ende der 70er Jahre, überwiegend in Mainz. Geschildert wird die Beziehung zwischen Lydia, einer siebzehnjährigen Schülerin, und Steve, einem GI aus New Jersey. In dem Roman geht es auch darum, die Zeit „rüberzubringen“, die Ära des Kalten Krieges mit ihrer sehr speziellen Weltordnung und ihrem Zeitgeist.

 Vorgestellt wird eine Szene aus einem Kapitel mit deutlichem Bezug zur „Mainzer lokalen Kultur“. Lydia und Steve sind mit zwei Freunden am Samstag, dem 24. Juni 1978 unterwegs zum Johannisfest. Birgit und Clark sind ebenfalls ein Paar. Clark und Steve sind in Lee Barracks stationiert, in derselben Einheit. Die Mädchen absolvieren gerade gemeinsam eine Hotellehre im Rheingau. Lydia ist Mainzerin, Birgit stammt aus Wiesbaden.

Die Freunde haben sich bereits am Samstagvormittag am Hauptbahnhof getroffen. Gerade befinden sie sich am Anfang der Bahnhofstraße in Höhe des Wiener Waldes gegenüber von einem einschlägigen Etablissement.

….

Vergnügt klatschte Clark in die Hände. „Let’s go!“, erklärte er aufgeräumt.

Bereits um diese Uhrzeit glich der Bahnhof einem Bienenstock.

„Ist wieder was los in Good Old Germany!“ Clark, der mit Birgit vorging, drehte sich um und strahlte über das ganze Gesicht.

Birgit tat es ihm gleich und lachte wieder.

Kurz hinter dem Bahnhof trafen sie Rick und Anthony. Steves Gesicht verfinsterte sich. Automatisch drückte er Lydias Hand fester.

„Hallo Leute.“ Sie begrüßten sich.

Anthony zwinkerte Lydia zu. Steves Händedruck wurde schmerzhaft. Es war nicht zu vermeiden, dass sie ein Stück miteinander gingen, da sie denselben Weg hatten.

„Joe-Hannes-Vest!“ Anthony und Rick übten sich darin, das deutsche Wort auszusprechen. Nebenbei flirteten sie ungeniert junge Mädchen und Frauen an, nicht aufdringlich, aber deutlich mit „Hello“ und einem Diener. Die meisten lachten darüber, nur einige wenige zogen ein böses Gesicht und beeilten sich, wegzusehen. Am Ende der Bahnhofstraße angelangt wurden sie schneller, sodass sich der Abstand zu Lydia, Steve, Birgit und Clark allmählich vergrößerte.

Steve atmete auf. „Wartet einen Moment, nicht so eilig“, sagte er zu Clark und Birgit, die vorgingen.

Er will, dass Anthony so weit wie möglich weg von uns ist, schoss es Lydia durch den Kopf.

Sie stellten sich dicht vor das Gebäude der Hauptpost, um die vorbeilaufenden Menschen nicht zu behindern. Steve langte in die Tasche seiner Jeansjacke, holte die Kool hervor und bot allen der Reihe nach davon an. Nachdem er sich selbst bedient hatte, zündete er die Zigaretten an.

„Wie laufen wir weiter?“ Clark grinste vergnügt.

Birgit neben ihm lachte wieder.

„Na, was denkst du denn? Wir laufen mit dem Strom“, antwortete Steve.

„Ja, aber wohin gehen wir?“, fragte Birgit gut gelaunt. „Wo fängt das Fest an?“

„Da haben wir es wieder. Wiesbadener wissen gar nichts.“ Lydia zwinkerte Birgit zu. Mit der Äußerung spielte sie auf die traditionelle, zumindest unter jungen Leuten nicht ganz ernst gemeinte „Feindschaft“ zwischen den beiden Städten an.

Birgit lachte trällernd.

„Wir gehen weiter zum Schillerplatz. Ein Stück hinter dem Fastnachtsbrunnen stehen die ersten Buden. Das Fest zieht sich dann weiter über den Marktplatz, das danebenliegende Einkaufszentrum am Brand und Teile der Altstadt bis hin zum Rhein.“ Lydia schmunzelte und erklärte wohlwollend. „Ich zeige dir alles, Birgit, keine Sorge.“

„Aha!“ Birgit zog die Augenbrauen hoch.

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Wie eine überdimensionale futuristische Skulptur erschien schon bald der Fastnachtsbrunnen in ihrem Blickfeld. Kurz vor dem Brunnen waren Tische und improvisierte Stände für den Verkauf alter Bücher aufgebaut. Im Vorbeigehen erhaschte Lydia einen kurzen Blick auf einen Tisch mit Kinderbüchern: Pucki, Nesthäkchen, rotwangige Mädchengesichter, umrahmt von blonden Locken. Menschen stöberten in Kästen, unterhielten sich, schlenderten zwischen den Tischen und Regalen entlang. Die Geräuschkulisse, die sich aus vielen Gesprächen zusammensetzte, hörte sich an wie lautes Summen.

Wie viele andere steuerten sie unbeirrt auf den Brunnen zu, der seine Geheimnisse erst offenbarte, wenn man vor ihm stand. Von einem auf vier Säulen thronenden Gerüst schimmerten Bronzefiguren in der Sonne. Meistens sprudelte Wasser in ein rundes Becken, heute jedoch nicht. Am Johannisfest und zu Fastnacht wurde das Wasser abgestellt. Sie blieben wieder einen Moment stehen, genossen das Treiben um sie herum.

„Was sind das für Figuren?“, fragte Birgit Lydia auf Deutsch. „Ich als Wiesbadenerin hab da ja keine Ahnung“, fügte sie augenzwinkernd hinzu.

„Soviel ich weiß sind das Figuren aus dem Bereich der Fastnacht und der Folklore, also: Harlekin, Till Eulenspiegel, Schwellköpp …“, erwiderte Lydia.

„Aha!“ Birgit nickte anerkennend. „Das erzähl ich jetzt den Wiesbadenern, damit sie nicht dumm sterben müssen.“

„Lasst uns weitergehen.“ Steve zog Lydia mit sich.

„Oh ja, wir folgen einfach der Menge.“ Clark ließ Birgit für einen Moment los, um wieder in die Hände zu klatschen.

Sie reihten sich in den zu dieser Tageszeit noch nicht sehr dichten Besucherstrom ein. Die ersten Buden säumten die Straße. Der Duft von Bratwürsten, Schaschlik und Nierenspießen lag bereits in der Luft. Schon jetzt wurden Bier und Wein ausgeschenkt. Wie eine Glocke legte sich heitere Stimmung über die Stadt. Überall sah man Grüppchen von Amerikanern, wie immer gut erkennbar an Frisur und Kleidung.

„Hier ist tatsächlich was los“, erklärte Birgit fröhlich, als sie zwischen den Buden entlangliefen. „Fast so viel wie beim Theatrium und der Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden.“

„Die Ladys haben da etwas miteinander“, sagte Clark zu Steve. „Lokalpatriotismus!“

Alle lachten.

Nach einer Weile trafen sie wieder auf Anthony und Rick, die sich interessiert einen Schießstand betrachteten. Als Belohnung für die Treffer lockten Plastikrosen und kleine Plüschtiere.

„Ja, tolle Aussichten“, rief Clark den beiden zu.

Sogar Steve musste schmunzeln.

Am Mainzer Dom angekommen kaufte Clark eine Flasche Wein und ein paar Dosen Cola. An einem der einfachen Tische nahmen sie Platz, tranken etwas und genossen die Stimmung.

„Cheers!“, rief ein kahlköpfiger Herr vom Nebentisch begeistert.

„Ich bin ein Berliner“, ergänzte ein anderer.

Die beiden prosteten ihnen zu.

Lachend hoben die Amerikaner ihre Becher. „Zum Wohl!“

„Mann, die armen Schweine, die heute Dienst haben“, erklärte Clark gerade genießerisch und schickte einen Flieger los, den er aus einer Serviette gebastelt hatte.

„O ja“, Steve stimmte grinsend zu.

„CQ ist ja nicht so schlimm, aber Guard Duty ist ätzend“, sinnierte Clark.

„Manche CQs sind echt übel drauf. Da kriegt man immer wieder erzählt, dass der Typ, mit dem man reden will, nicht ans Telefon kommen kann, weil er sich gerade duscht“, ereiferte sich Lydia.

„Das ist ja ein Ding. Na, dann weiß ich ja Bescheid.“ Amüsiert zog Birgit die Augenbrauen hoch und schmiegte sich enger an Clark.

„Kann doch sein“, sagte Steve.

„Aber nicht, wenn du viermal anrufst, alle halbe Stunde. So ausgiebig duscht nicht mal ihr Amerikaner“, entgegnete Lydia.

„Na, wenn der Typ lange genug an seinem Panzer rumgemacht hat, ist er auch ganz schön dreckig.“ Grinsend sah Clark in die Runde.

„Das mit dem Duschen ist doof, aber richtig gemein wird es, wenn der CQ behauptet, dass dein Freund mit einem anderen Mädchen losgezogen ist“, sagte Lydia.

„O ja, das ist nicht cool.“ Clark schüttelte den Kopf. Allerdings gelang es ihm kaum, sich ein Grinsen zu verkneifen.

„Wofür ist CQ eigentlich die Abkürzung?“ Birgit zündete sich eine Zigarette an.

Ja, dachte Lydia, gute Frage. Wir haben echt keine Ahnung.

„Charge of Quarters“, antworteten die Amerikaner im Chor.

Eine Weile schwiegen alle.

„Mensch, dieser Brunnen mit dem Ding, das sich aus eigener Kraft dreht, der ist doch hier in der Nähe“, fiel Steve ein.

Lydia nickte. „Perpetuum mobile“. Sie kaute das Wort genüsslich. „Das ist der Brunnen auf dem kleinen Platz vor dem Brand-Einkaufszentrum.“

Mit dem Zeigefinger wies sie quer über den Marktplatz, wo ein Durchgang zwischen den Häusern zu sehen war. „Der ist gleich da drüben. Von da aus können wir dann auch über den Brand und am Rathaus vorbei direkt zum Rhein laufen.“

Offensichtlich hatten die Amerikaner nicht alles verstanden, nickten aber. Sie verabschiedeten sich von den fröhlichen Tischnachbarn, schlenderten über den Marktplatz, ihrem Ziel entgegen, das fast in Sichtweite lag.

Intensiv nahm Lydia Steves festen Händedruck, seine unmittelbare Nähe und den Geruch seines Deos wahr. Sie war so glücklich, dass ihr die Tränen in die Augen traten.

Das war einer der Momente, von denen man hoffte, dass sie ewig dauern würden. Lydia hatte alles, was sie brauchte, alles was sie sich je gewünscht hatte…

 

„Calling USA“ von Paula Dreyser, erhältlich im VA-Verlag und überall im Buchhandel

Vorrätig in Mainz: Shakespeare und so, Gaustraße 67 / Exlibirs, Bahnstraße 1, Bretzenheim / Dombuchhandlung

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Nostalgie auf dem Rebstockplatz oder – Erinnerungen an einen Einkaufswagen

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Foto aus der Sammlung von Meikel Dachs.

 

Wie schade! Da waren früher das Rex – und das Bambi. Ich erinnere mich an eine Ferienvorstellung Anfang der siebziger Jahre. Einer meiner Schulkameraden aus der Anne-Frank-Schule kam an günstige Eintrittskarten, weil seine Mutter im Kino arbeitete, und lud mich ein.

Ein Ausflug „in die Stadt“ zum Kinobesuch – das war schon was, damals. Gezeigt wurde ein zweit- oder drittklassiger amerikanischer Film über Atlantis: Ein armer griechischer Fischer rettete eine wunderschöne Frau vor dem Ertrinken. Bald stellte sich heraus, dass sie eine atlantische Prinzessin war. Blind vor Liebe brachte er sie zurück in ihr Reich. Das sagenhafte Atlantis entpuppte sich als teuflisch in jeder Hinsicht: Sklaverei; Menschen, die in Tiere verwandelt wurden; gottlose Herrscher … Zum Schluss versank die Insel mit ihren ungläubigen, dekadenten Bewohnern in den Fluten des Meeres, so wie es sich gehört.

Ich drehe mich um und mein Herz geht auf – der Dom. Mein Blick fällt auf den West-Chor, den neueren Teil, nicht den Ost-Chor; das ist der ältere Teil, auf der anderen Seite, Richtung Fischtorplatz. Seit ich denken kann, hat man mir das eingebläut. Als Bretzenheimerin lebte ich ja nicht wirklich im Schatten des Doms, aber bei dem gleichnamigen Lied fühle ich mich angesprochen, besonders an Fassenacht.

Der Martinsdom! Der Dom zu Mainz! So prägend wie Fleischwurst und Paarweck, Krebbel, das Sandmännchen, „die Elektrische“, alte Frauen in Kittelschürzen, Astrid Lindgren, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Johannisfest, The Who, Augustinerkeller, Goldstein und La  Bastille …

In nostalgischer Stimmung setze ich meinen Weg fort Richtung Brand. Ich war ein Schulkind, als das Einkaufszentrum erbaut wurde – was war davor an seiner Stelle? Keine Ahnung. Als ich an der Allgemeinen Zeitung vorbeigehe, bleibt mein Blick an einem Muster im Boden auf dem Platz vor mir hängen. Zunächst sieht es aus wie ein Kreis, bei näherem Hinsehen entpuppt es sich aber als Oktagon. Ich stelle mich neben die Linie und sehe im Geist den Brunnen, der hier einmal gestanden hat, der Brunnen mit dem Perpetuum Mobile.

Auf einmal möchte ich heulen. Warum? Weil der Brunnen nicht mehr da ist, genauso wie die alte Lotharpassage mit Woolworth oder die Nordsee an der Ecke Große Bleiche / Große Langgasse. Matjeshappen gibt es noch in der Nordseefiliale in der Schusterstraße, „Hot Haps“ aber nicht mehr. Solche Fischspezialitäten brachten meine Eltern vom samstäglichen Einkauf aus der Stadt mit nach Hause. Das war für mich so lange der Knüller, bis ich Anfang der Siebziger meine erste Pizza aß. Damit waren die Nordsee-Spezialitäten out. Etwas später lernte ich Lasagne und Cannelloni kennen. Da wusste ich dann endgültig Bescheid …

Nur wenige Leute sind an diesem Mittwochvormittag unterwegs. Gedankenverloren lasse ich meinen Blick schweifen, folge der Treppe zum Brand, bleibe an der Schräge für Rollstuhlfahrer, Radfahrer, Kinderwagen und Skateboard-Fahrer hängen. Der Anblick dieser Schräge macht mich glücklich, erhöht meinen Herzschlag für einen Moment. Im Geiste sehe ich einen Einkaufswagen dort oben stehen, auf dem Scheitelpunkt sozusagen.  – Ich möchte lachen und nicht mehr aufhören.

Meine Umgebung einschließlich der wenigen Passanten, die sich über die Frau vor der Treppe mit diesem eigentümlichen Lächeln vielleicht wundern, rückt in weite Ferne, während ich abtauche in eine andere Zeit.

Mainz im Frühsommer 1976: Hinter mir und meiner Freundin Sophie – das mit Wasser gefüllte Becken des Brunnens. Das Perpetuum Mobile gibt seltsam scharrende Geräusche von sich, während es sich um seine eigene Achse dreht.

Wir sitzen auf dem Brunnenrand, starren fasziniert auf das, was sich am höchsten Punkt der Schräge in Richtung Brand gerade tut. Immer mehr Passanten bleiben in unserer Nähe stehen, einige setzen sich ebenfalls auf den Brunnenrand. Alle warten darauf, wie es weitergeht.

„Die Amis“, sagt ein älterer Herr freundlich, schüttelt dabei lachend den Kopf. „Was deene so alles eufelld!“

„Mama, guck doch!“ Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen deutet aufgeregt auf die drei GIs, die dort oben einen leeren Einkaufswagen festhalten und sich anscheinend angeregt unterhalten. Einer hebt grüßend die Hand, winkt uns Zuschauern elegant zu, in der Art der Queen.

Drei junge Männer, die neben uns stehen, langhaarig, mit Peace-Buttons an den Palästinenser-Tüchern, winken zurück, lachen sich kaputt. Schließlich tut sich oben etwas.

„Das machen die doch nicht wirklich?“ Sophie stößt mir sachte den Ellenbogen in die Seite. Wir sehen uns an, ungläubig, lachen dann schallend los. Doch, natürlich machen die das! Wir kennen sie, unsere GIs.

Einer der Amerikaner klettert geschickt in den Einkaufswagen, während seine Kumpel das Gefährt festhalten.

„Was mache se dann jetzd?“ Der ältere Herr grinst über das ganze Gesicht.

„Verrückt!“ Ein Peace-Button-Träger zündet sich eine Zigarette an, eine HB. Dann wedelt er damit herum und tänzelt ein wenig hin und her, ungefähr wie Bruno, das HB-Männchen.

Mittlerweile hat sich der GI in den Einkaufswagen gequetscht, streckt den Kopf nach vorne und schreit: „Right on.“

Seine Freunde geben dem Wagen einen Stoß und los geht es! Durch den Fahrtwind stellt sich seine blonde Stirntolle nach oben. Das Gefährt rollt die Schräge hinunter, nimmt ordentlich Fahrt auf.

Unter Lachen und Klatschen erreicht der Amerikaner in seinem ungewöhnlichen Fahrzeug das untere Ende der Schräge. Die Fahrt währte nur kurz. Jetzt hat er keine Möglichkeit zu bremsen, ist sozusagen ausgeliefert. Durch ruckartige Bewegungen mit dem Körper versucht er, nach links zu lenken.

Die drei Peace-Button-Träger eilen herbei, halten den Wagen fest. Auf diese Weise gestoppt, dreht das Fahrzeug langsam eine elegante Kurve und kommt vor dem Eingang vom Café Dinges zum Stehen.

„Des glaabd mä konä!“ Wer hat das gesagt? Der ältere Herr, der sich königlich amüsiert.

„Thank you!“ ruft der GI seinem fröhlichen Publikum zu, während seine neuen Freunde ihm heraushelfen. Schulterklopfen, Händeschütteln, Wortfetzen von dort drüben: „Nice to meet you!“ … „Hey, folks!“ … „Let´s go!“ … Einer der Deutschen schiebt den Wagen über die Schräge nach oben, die anderen trotten hinterher, unterhalten sich lachend miteinander und mit den Passanten.

„ Was machd ihr donn fä Sache!“ „Menschenskinnä, dess omm frije Moije.“

Oben angelangt gibt es wieder Schultergeklopfe. Als nächster steigt ein Peace-Button-Träger ein und rollt unter Gejohle nach unten. Allerdings verliert sich sein fröhlicher Gesichtsausdruck mit zunehmender Geschwindigkeit. Am Ende ist er sehr erleichtert, als Passanten ihm beim Parken helfen …

Die Szene verschwimmt. Ich bin zurück. Kein Brunnen, keine lachende Menschenmenge, kein Einkaufswagen, keine GIs – aber der Dom, der West-Chor, versteht sich.

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„Calling USA“ von Paula Dreyser –  Beziehungsroman, 70er Jahre, Kalter Krieg, RAF, Mainz. Als Taschenbuch erhältlich überall im Buchhandel und im VA-Verlag

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