Gutenberg ist immer noch derselbe …

1971

(Fotos aus der Sammlung von Meikel Mainz)

„Na ja.“ Mit gefurchter Stirn kratzt David sich am Ohr. „Also hier, der Gensfleisch …“ Grinsend deutet er auf das Denkmal hinter ihm. „ … er ist immer noch derselbe, sah Anfang der 70er genauso aus wie jetzt.“

Manfred nickt. „Ja, aber ansonsten hat sich hier schon einiges getan. In dem Gebäude da drüben war früher ein Schuhgeschäft.“ Er zeigt Richtung Dom. „Und hier am Gutenbergplatz gab es so ein paar etwas bessere Läden für Damenmode. Meine Mutter kaufte da ein.“

Jetzt wenden beide ihren Blick dem Theater auf der anderen Seite der Ludwigsstraße zu.

David überlegt. „Die Bäume sind nicht mehr da“, sagt er schließlich mit einem gewissen Bedauern. „Und links vom Theater war, glaube ich, ein Brunnen.“ Mit dem rechten Arm zeichnet er einen Bogen in die Luft, als wolle er das Theater und dessen unmittelbare Umgebung ein für alle Mal festhalten. „Ist immer noch schön, aber … na ja … die guten alten Zeiten.“

Manfred kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Davids ausgeprägter Akzent ist herrlich. Immerhin hat sein Freund sich schon Anfang der 70er bemüht, Deutsch zu lernen. Da dachten die meisten amerikanischen GIs nicht im Traum daran. Grinsend zündet er sich eine Zigarette an.

„Das war früher auch anders!“ Der Amerikaner macht ein strenges Gesicht. „Da haben viel mehr Leute geraucht und zwar überall!“

Manfred zwinkert ihm zu, zieht dabei genüsslich an seiner Zigarette. Immer noch kann er sein Glück nicht fassen, dass er David nach so vielen Jahren wieder getroffen hat. Ihm wird warm ums Herz.

1973 hat Sergeant David Richards Deutschland verlassen, ging zurück in die Staaten. Die drei Söhne seiner Landlady waren untröstlich gewesen, besonders Manfred, der Zweitälteste, drei Jahre jünger als der amerikanische Untermieter.

Als hätte er die Gedanken seines Freundes erraten, sagt David jetzt:“ Meine Güte Manfred! Man kann über Facebook ja denken, was man will, aber ohne die Gruppe der ehemaligen GIs aus Lee Barracks wären wir nicht wieder in Kontakt gekommen.“ Er schluckt und blinzelt. Dann lacht er. „Wenn ich Raucher wäre, würde ich mir jetzt auch eine anstecken.“

Auch Manfred lacht. „Ich habe gezielt nach dir gesucht, nachdem ich mit meiner Frau in alten Fotokisten gestöbert hatte“, sagt er mit etwas heiserer Stimme. „Bin ich froh, dass ich auf diese Gruppe gestoßen bin und auch Mitglied werden konnte.“

Gerade verschieben sich die grauen Wolken und die Sonne lugt hervor. Sie malt einen breiten hellen Streifen über das Theater, die Lu und den Platz vor dem Gutenberg-Denkmal. Die beiden Männer sehen sich an, seltsam ergriffen.

Manfred legt eine Hand auf Davids Schulter. „Mann, du warst so schüchtern und  – so schlank.“

David reibt sich den Bauch. „Man wird halt nicht jünger. Du hast ja auch zugelegt.“

„Meine Mutter hat angefangen, dir Deutsch beizubringen.“

„Sie war wunderbar.“ David nickt, blinzelt, weil ihm etwas in den Wimpern hängt. „An Weihnachten durfte ich mit euch feiern. „Das hat mir viel bedeutet“, fügt er dann hinzu.

„Ja!“ Manfred nickt stürmisch. „Das war meiner Mutter sehr wichtig. Immerhin wusste sie, dass du ein Pfarrerssohn aus dem Bibelgürtel bist. Aber du hättest ein Atheist sein können, sie hätte dich an Weihnachten nicht in deiner Dachwohnung alleine gelassen.“

„Sie hat mir sogar einen Adventskalender geschenkt. Ich wusste zuerst nicht, was ich damit anfangen sollte.“ Daves Augen leuchten. „An Weihnachten gab es gefüllte Gans und einen echten Baum mit echten Kerzen.“

„Ich hätte lieber Cheeseburger oder Double-Cheese-Pizza aus dem NCO Club gegessen“, erklärt Manfred schmunzelnd. „Euer Zeug war für mich das größte. Die weite Welt ließ grüßen.“

1972Schließlich machen sich die beiden Männer auf den Weg zum Schillerplatz, ganz ohne Eile. Sie genießen die Gesellschaft des jeweils anderen, können kaum glauben, dass sie sich nach der Kontaktaufnahme über Facebook vor einem halben Jahr schon jetzt wieder getroffen haben.

„Wie schön, dass du mit deiner Familie wieder in der Wohnung deiner Eltern lebst. Für mich ist es wunderbar, mit meiner Frau in der alten Dachwohnung zu hausen. Ist zwar umgebaut und modernisiert, aber der Blick aus dem Fenster ist derselbe wie früher.“ Davids Stimme bricht am Ende, vor Rührung.

Manfred kann es ihm nachfühlen. „Ja, vor zwei Jahren bin ich mit meiner Familie wieder zurück nach Mainz gezogen, in mein Elternhaus.“

Schweigend spazieren sie durch den lauen, bewölkten Junitag, eine Weile tief in Gedanken versunken.

Am Fastnachtsbrunnen angekommen, bleiben sie stehen, etwas unschlüssig. Suchend sieht David sich um.

„Wonach guckst du?“

„Das weiß ich nicht so genau. Ist nur auch hier irgendwie nicht ganz so wie in meiner Erinnerung …“

„Ja“, stimmt Manfred ihm zu, „ich finde das auch. 1980 bin ich aus Mainz weggezogen und kam erst vor zwei Jahren zurück. Da ich mit meiner Familie viele Jahre im Ausland gelebt habe, kam ich von 1980 bis 2014 auch nicht oft zu Besuch. Ich weiß auch nicht mehr so genau, wie der Schillerplatz Anfang der 70er ausgesehen hat und wann sich was geändert hat …“

„Da waren weniger Blumenbeete“, überlegt David. „Und ich glaube, es gab eine Litfaßsäule und … eine Telefonzelle?“ Fragend sieht er zu Manfred. „Da bin ich mir nicht ganz sicher.“

„Hmmm. Das mit den Blumen, ja, das stimmt.“ Manfred schaut sich um. Dann lacht er kurz auf. „Der Fastnachtsbrunnen stand auf jeden Fall schon da.“

„Ja!“ David nickt nachdrücklich, zieht die Stirn kraus. Dann fällt ihm etwas ein. „Deine Mutter erzählte mir, dass bis 1933 ein anderes Denkmal hier gestanden hat, das Befreiungsdenkmal, eine halbnackte Frau.“

„Richtig, das hat sie auch uns Kindern erzählt. Sie war in Stadtgeschichte ja ziemlich bewandert. Da gab es wohl nach der Enthüllung, ich glaube 1930, viel moralische Empörung. Weil der Künstler jüdischer Herkunft war, wurde das Denkmal schon drei Jahre nach der Einweihung wieder entfernt. Wie gesagt, es war sowieso umstritten.“

Eine Gruppe Jugendlicher kommt aus Richtung Gaugasse und geht lärmend an ihnen vorbei. Fast alle halten ein Smartphone vor das Gesicht. Die Beiden sehen sich an.

„Das gab es damals nicht, weder hier noch sonst wo“, erklärt Manfred trocken. „Wir haben uns direkt unterhalten oder – telefoniert.“

David nickt. „Was heute im Stadtbild auch fehlt, sind die GIs, gut erkennbar an den kurzen Haarschnitten und der Garderobe.“

„Richtig! Das ist vorbei.“ Manfred fällt etwas ein und er blickt seinen Freund eindringlich an. „Sag mal, hast du eigentlich mal unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn du in deiner Uniform unterwegs warst? Du bist doch immer in Uniform aus dem Haus gegangen und dann mit der Straßenbahn in die Lee Barracks gefahren.“

„Nein, nie!“

Wieder sehen sie sich schweigend an, freuen sich über das Wiedersehen, kosten den Moment aus.

„Was meinst du, David? Wie wäre es mit einem Bier, also mit einem richtigen, echten …?“

„Wunderbare Idee!“ David strahlt. „Das Bier schmeckt zum Glück noch genauso wie früher …“

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser. Eine Geschichte, basierend auf Recherchen und Interviews zu dem Roman Calling USA. Der Roman ist erhältlich im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book.

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