Sommer 1972: Stadtpark-Idylle und Brückengeheimnisse

Volkspark, tadtpark 79. 3

(Fotos aus der Sammlung Meikel Mainz: Stadtpark 1972 / Blick auf die Favorite 1970 / Bau der Alexander-M.-Patch-Brücke, 1945)

 

„Beeil dich, Bettina!“ Ungeduldig trippelt Carolin von einem Fuß auf den anderen. „Ist dringend.“

„Ja, ich versteh schon.“ Bettina legt einen Schritt zu.

Die beiden Mädchen laufen zügig, werden immer schneller.

„Dass es auf dem Minigolfplatz kein Klo gibt, ist echt Mist“, stöhnt Carolin.

„Das kannst du laut sagen. Der Weg zur Favorite ist ganz schön weit.“

Jetzt rennen sie, denn beide verspüren ein dringendes Bedürfnis. Sie fliegen über die Brücke zwischen Volkspark und Stadtpark, vorbei am Vogelhaus, aus dem die übliche Kakophonie ertönt, hinunter in Richtung Rhein, erreichen völlig außer Atem die Favorite. Nun wird es höchste Zeit.

Volkspark, Stadtpark, 1970, 4

Nur kurze Zeit später stehen sie am Geländer unterhalb der Favorite und schauen auf den Fluss. Entspannt blinzeln sie in die Julisonne. Hinter ihnen auf den Bänken sitzen ältere Herrschaften und genießen den schönen Tag.

„Ist bisschen wie im Urlaub.“ Bettina wendet ihr Gesicht der Sonne entgegen.

Sie hat recht. Der Mainzer Stadtpark strotzt vor Blumen, ist erfüllt von deren Duft. Bäume flankieren Beete und Wege. Vogelgezwitscher, hin und wieder kurze, schrille Schreie von den Pfauen in den Gehegen weiter hinten. Unter ihnen schimmert der Rhein tiefblau, darauf einige Schiffe – wie Perlen.

„Wie alt wirst du nochmal?“, fällt Bettina ein.

Irritiert sieht Carolin sie an.

„Ich bin ja dieses Jahr zum ersten Mal bei deinem Geburtstag“, beeilt sich, Bettina zu erklären. „ Wir sind zusammen im Minigolfverein, gehen aber nicht in eine Klasse. Ich bin nicht so genau über dein Alter informiert.“

„Ah!“ Das sieht Carolin ein. „Ich werde übermorgen zwölf.“

„Dann bis du 1960 geboren. Das ist praktisch. Da kannst du immer leicht rechnen.“

Darüber müssen beide lachen, wenden sich dann wieder dem idyllischen Bild vor ihnen zu.

„Ebsch Seid“, sagt Carolin verträumt.

„Ja, sieht aber trotzdem schön aus.“

Ein Dröhnen stört die sommerlichen Hintergrundgeräusche. Sie zucken zusammen, sehen sich alarmiert an.

„Da fährt ein Zug über die Eisenbahnbrücke“, erklärt Bettina, geradeso als ob das nötig wäre.

„Da hab ich immer das Gefühl, dass alles in der Nähe irgendwie wackelt.“ Dann fällt Carolin noch etwas ein und sie fügt leiser hinzu: „ Die Brücke finde ich irgendwie gruselig.“

Bettina rückt näher, flüstert ebenfalls: „Wenn man drüberläuft, kann man unten den Rhein sehen. Da wird mir immer schlecht.“

„Noch schlimmer ist es, wenn dann gerade ein Zug drüberrattert. Dann bebt erstrecht alles.“

„Und der Turm am Anfang …“ Bettina reißt die Augen weit auf. „Ich hab früher immer gedacht, dass da etwas ganz Geheimnisvolles drin wäre. Später war ich felsenfest davon überzeugt, dass dort eine Hexe wohnt.“

Das versteht Carolin sofort. Sie sind zwar beide schon fast Jugendliche, aber gruseln können sie sich immer noch. Natürlich kann man das nicht jedem erzählen, ist Vertrauenssache. Carolin denkt noch mit einem wohligen Schauer über Hexen nach, als Bettina ihr lachend auf den Oberarm schlägt.

„Und weißt du was?“ Bettinas Heiterkeit zerstört die schaurig-schöne Stimmung. „Da wohnen ganz normale Leute drin. Und die haben einen Sohn, der ist mit meinem Cousin befreundet.“

Zack – die ganze wohlige Magie ist im Eimer. „Och!“ Mehr kann Carolin dazu nicht sagen. Enttäuscht wendet sie sich wieder dem Rhein zu. Ihr Blick fällt auf die Brücke, die in einiger Entfernung in der anderen Richtung gut zu erkennen ist. „Die Theodor-Heuss-Brücke hat nix Geheimnisvolles“, sagt sie bedauernd.

„Ja, aber weiter hinten, da am Kaisertor, da gab es früher noch eine.“ Wieder macht Bettina große Augen. Ihre Stimme klingt beschwörend.

13522432_257648524591674_1690910848_n„Kaisertor?“ Als Bretzenheimerin kennt Carolin sich nicht ganz so gut aus wie Bettina, die in der Uferstraße wohnt.

„Ja, der Bogen, da unten am Rhein, an der Stelle, wo die Kaiserstraße in die Rheinallee mündet.“

„Ach so.“ Den kennt Carolin. Da gibt es ein Restaurant, das sie zusammen mit ihren Eltern öfter besucht. Dort hat sie erste Lasagne und die erste Cannelloni ihres Lebens gegessen. Am Anfang haben sie und ihre Eltern sich an den ungewohnt heiß servierten Gerichten regelmäßig den Mund verbrannt. Mittlerweile aber wissen sie Bescheid. „ Da ist keine Brücke“, erwidert sie gelangweilt.

„Nein, ich hab doch auch gesagt, dass da mal eine WAR, früher“, erklärt Bettina mit Nachdruck. Es klingt leicht genervt. „ Die haben die Amerikaner nach dem Krieg gebaut. In Kastel sieht man da, wo die Brücke endete, heute noch Gebäude rumstehen, die so aussehen, als wäre da mal so eine Art kleiner Bahnhof gewesen.“

„Wahnsinn!“ Das interessiert sie jetzt aber doch und Carolin nimmt sich vor, ihre Oma danach zu fragen. Die weiß über solche Sachen Bescheid. Also – das mit dieser Brücke nach dem Krieg, kommt ihr auch, irgendwie, geheimnisvoll vor …

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser.

Paula Dreysers Roman Calling USA überall im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book. Bewerbung zur Leserunde auf Lovelybooks läuft noch bis 30.6..

 

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Gutenberg ist immer noch derselbe …

1971

(Fotos aus der Sammlung von Meikel Mainz)

„Na ja.“ Mit gefurchter Stirn kratzt David sich am Ohr. „Also hier, der Gensfleisch …“ Grinsend deutet er auf das Denkmal hinter ihm. „ … er ist immer noch derselbe, sah Anfang der 70er genauso aus wie jetzt.“

Manfred nickt. „Ja, aber ansonsten hat sich hier schon einiges getan. In dem Gebäude da drüben war früher ein Schuhgeschäft.“ Er zeigt Richtung Dom. „Und hier am Gutenbergplatz gab es so ein paar etwas bessere Läden für Damenmode. Meine Mutter kaufte da ein.“

Jetzt wenden beide ihren Blick dem Theater auf der anderen Seite der Ludwigsstraße zu.

David überlegt. „Die Bäume sind nicht mehr da“, sagt er schließlich mit einem gewissen Bedauern. „Und links vom Theater war, glaube ich, ein Brunnen.“ Mit dem rechten Arm zeichnet er einen Bogen in die Luft, als wolle er das Theater und dessen unmittelbare Umgebung ein für alle Mal festhalten. „Ist immer noch schön, aber … na ja … die guten alten Zeiten.“

Manfred kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Davids ausgeprägter Akzent ist herrlich. Immerhin hat sein Freund sich schon Anfang der 70er bemüht, Deutsch zu lernen. Da dachten die meisten amerikanischen GIs nicht im Traum daran. Grinsend zündet er sich eine Zigarette an.

„Das war früher auch anders!“ Der Amerikaner macht ein strenges Gesicht. „Da haben viel mehr Leute geraucht und zwar überall!“

Manfred zwinkert ihm zu, zieht dabei genüsslich an seiner Zigarette. Immer noch kann er sein Glück nicht fassen, dass er David nach so vielen Jahren wieder getroffen hat. Ihm wird warm ums Herz.

1973 hat Sergeant David Richards Deutschland verlassen, ging zurück in die Staaten. Die drei Söhne seiner Landlady waren untröstlich gewesen, besonders Manfred, der Zweitälteste, drei Jahre jünger als der amerikanische Untermieter.

Als hätte er die Gedanken seines Freundes erraten, sagt David jetzt:“ Meine Güte Manfred! Man kann über Facebook ja denken, was man will, aber ohne die Gruppe der ehemaligen GIs aus Lee Barracks wären wir nicht wieder in Kontakt gekommen.“ Er schluckt und blinzelt. Dann lacht er. „Wenn ich Raucher wäre, würde ich mir jetzt auch eine anstecken.“

Auch Manfred lacht. „Ich habe gezielt nach dir gesucht, nachdem ich mit meiner Frau in alten Fotokisten gestöbert hatte“, sagt er mit etwas heiserer Stimme. „Bin ich froh, dass ich auf diese Gruppe gestoßen bin und auch Mitglied werden konnte.“

Gerade verschieben sich die grauen Wolken und die Sonne lugt hervor. Sie malt einen breiten hellen Streifen über das Theater, die Lu und den Platz vor dem Gutenberg-Denkmal. Die beiden Männer sehen sich an, seltsam ergriffen.

Manfred legt eine Hand auf Davids Schulter. „Mann, du warst so schüchtern und  – so schlank.“

David reibt sich den Bauch. „Man wird halt nicht jünger. Du hast ja auch zugelegt.“

„Meine Mutter hat angefangen, dir Deutsch beizubringen.“

„Sie war wunderbar.“ David nickt, blinzelt, weil ihm etwas in den Wimpern hängt. „An Weihnachten durfte ich mit euch feiern. „Das hat mir viel bedeutet“, fügt er dann hinzu.

„Ja!“ Manfred nickt stürmisch. „Das war meiner Mutter sehr wichtig. Immerhin wusste sie, dass du ein Pfarrerssohn aus dem Bibelgürtel bist. Aber du hättest ein Atheist sein können, sie hätte dich an Weihnachten nicht in deiner Dachwohnung alleine gelassen.“

„Sie hat mir sogar einen Adventskalender geschenkt. Ich wusste zuerst nicht, was ich damit anfangen sollte.“ Daves Augen leuchten. „An Weihnachten gab es gefüllte Gans und einen echten Baum mit echten Kerzen.“

„Ich hätte lieber Cheeseburger oder Double-Cheese-Pizza aus dem NCO Club gegessen“, erklärt Manfred schmunzelnd. „Euer Zeug war für mich das größte. Die weite Welt ließ grüßen.“

1972Schließlich machen sich die beiden Männer auf den Weg zum Schillerplatz, ganz ohne Eile. Sie genießen die Gesellschaft des jeweils anderen, können kaum glauben, dass sie sich nach der Kontaktaufnahme über Facebook vor einem halben Jahr schon jetzt wieder getroffen haben.

„Wie schön, dass du mit deiner Familie wieder in der Wohnung deiner Eltern lebst. Für mich ist es wunderbar, mit meiner Frau in der alten Dachwohnung zu hausen. Ist zwar umgebaut und modernisiert, aber der Blick aus dem Fenster ist derselbe wie früher.“ Davids Stimme bricht am Ende, vor Rührung.

Manfred kann es ihm nachfühlen. „Ja, vor zwei Jahren bin ich mit meiner Familie wieder zurück nach Mainz gezogen, in mein Elternhaus.“

Schweigend spazieren sie durch den lauen, bewölkten Junitag, eine Weile tief in Gedanken versunken.

Am Fastnachtsbrunnen angekommen, bleiben sie stehen, etwas unschlüssig. Suchend sieht David sich um.

„Wonach guckst du?“

„Das weiß ich nicht so genau. Ist nur auch hier irgendwie nicht ganz so wie in meiner Erinnerung …“

„Ja“, stimmt Manfred ihm zu, „ich finde das auch. 1980 bin ich aus Mainz weggezogen und kam erst vor zwei Jahren zurück. Da ich mit meiner Familie viele Jahre im Ausland gelebt habe, kam ich von 1980 bis 2014 auch nicht oft zu Besuch. Ich weiß auch nicht mehr so genau, wie der Schillerplatz Anfang der 70er ausgesehen hat und wann sich was geändert hat …“

„Da waren weniger Blumenbeete“, überlegt David. „Und ich glaube, es gab eine Litfaßsäule und … eine Telefonzelle?“ Fragend sieht er zu Manfred. „Da bin ich mir nicht ganz sicher.“

„Hmmm. Das mit den Blumen, ja, das stimmt.“ Manfred schaut sich um. Dann lacht er kurz auf. „Der Fastnachtsbrunnen stand auf jeden Fall schon da.“

„Ja!“ David nickt nachdrücklich, zieht die Stirn kraus. Dann fällt ihm etwas ein. „Deine Mutter erzählte mir, dass bis 1933 ein anderes Denkmal hier gestanden hat, das Befreiungsdenkmal, eine halbnackte Frau.“

„Richtig, das hat sie auch uns Kindern erzählt. Sie war in Stadtgeschichte ja ziemlich bewandert. Da gab es wohl nach der Enthüllung, ich glaube 1930, viel moralische Empörung. Weil der Künstler jüdischer Herkunft war, wurde das Denkmal schon drei Jahre nach der Einweihung wieder entfernt. Wie gesagt, es war sowieso umstritten.“

Eine Gruppe Jugendlicher kommt aus Richtung Gaugasse und geht lärmend an ihnen vorbei. Fast alle halten ein Smartphone vor das Gesicht. Die Beiden sehen sich an.

„Das gab es damals nicht, weder hier noch sonst wo“, erklärt Manfred trocken. „Wir haben uns direkt unterhalten oder – telefoniert.“

David nickt. „Was heute im Stadtbild auch fehlt, sind die GIs, gut erkennbar an den kurzen Haarschnitten und der Garderobe.“

„Richtig! Das ist vorbei.“ Manfred fällt etwas ein und er blickt seinen Freund eindringlich an. „Sag mal, hast du eigentlich mal unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn du in deiner Uniform unterwegs warst? Du bist doch immer in Uniform aus dem Haus gegangen und dann mit der Straßenbahn in die Lee Barracks gefahren.“

„Nein, nie!“

Wieder sehen sie sich schweigend an, freuen sich über das Wiedersehen, kosten den Moment aus.

„Was meinst du, David? Wie wäre es mit einem Bier, also mit einem richtigen, echten …?“

„Wunderbare Idee!“ David strahlt. „Das Bier schmeckt zum Glück noch genauso wie früher …“

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser. Eine Geschichte, basierend auf Recherchen und Interviews zu dem Roman Calling USA. Der Roman ist erhältlich im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book.

Begegnung an der Litfaßsäule (Freitag, 21. März 1975)

1975, Bahnstr., Parfümerie SimonkopieFoto von Herrn Karl Hermann Matthias, gepostet mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Urhebers. (Herr Matthias war 42 Jahre lang Lehrer für Kunst, Deutsch und Geschichte an der Kanonikus-Kir-Realschule.).

Leseprobe aus dem laufenden Romanprojekt „Woodstock ist nicht alles…“(Arbeitstitel)

Orte der Handlung: Schillerplatz – Münsterplatz – Bahnhofstraße

Warum sieht der mich so an? Olivia schwelgte noch in dem federleichten Hochgefühl des Nachmittags in der Wohngemeinschaft. Der Blick des GIs störte sie. Gerade war er an die Litfaßsäule herangetreten –jetzt stand er dort, sehr aufrecht, sehr gerade, genau in dem Ausschnitt, den sie zeichnete. Über seinem Kopf blitzte die Reklame für eine Single von Udo Jürgens: Griechischer Wein, gleich daneben eine Kinowerbung: Der Pate, Teil 2.

Unschlüssig trat sie ein paar Schritte zur Seite. Der Amerikaner folgte ihr mit den Augen, die Brauen etwas nach oben gezogen. Ein angedeutetes Lächeln umspielte seinen Mund, freundlich, ein klein wenig spöttisch. Groß und schlank war er, das Gesicht schmal und kantig, die Haare aschblond.

An wen erinnert er mich nur? Sie starrte zurück, obwohl sie das gar nicht wollte. Bestimmt ein Pilot, stationiert in Finthen. Das leichte Kribbeln im Sonnengeflecht irritierte sie. Was sollte das? Ami go home.

Seit sie dabei war, in Werners Welt einzutauchen, hörte sie Janis Joplin und Jimi Hendrix, bedauerte zutiefst, dass sie 1968 zum Woodstock-Konzert erst neun Jahre alt gewesen war. Das Gefühl, zu spät geboren zu sein, nagte an ihr. Jetzt war sie sechzehn, bereit, hatte aber diese wunderbare Zeit des Aufbruchs und der neuen Ideen knapp verpasst.

Sie stand mit dem Amerikaner auf einer Höhe, der Abstand zwischen ihnen betrug etwa zwei Meter. Ihr stockte der Atem. Ob vor Erstaunen oder Entrüstung hätte sie nicht sagen können. Der GI hob grüßend die Hand und nickte ganz leicht in ihre Richtung, etwas herausfordernd.

Sie warf ihm einen giftigen Blick zu, steckte den Zeichenblock in die bunte Hirtentasche und lief an der Litfaßsäule vorbei zur Haltestelle der Buslinie Nr. 13. Blaue Augen und blonde Haare. Ich mag sie sowieso lieber dunkler. Olivia fühlte sich völlig verunsichert.

Auf dem Schillerplatz war viel los wie in der gesamten Mainzer Innenstadt. Es war kein gewöhnlicher Freitag, sondern der Freitag vor dem Karfreitag und die Schulferien hatten bereits begonnen.

Sie zwang sich dazu, sich nicht mehr umzudrehen. Der GI interessierte sie grundsätzlich nicht, weil die Amis die Bundesrepublik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges besetzt hielten, und auch deshalb nicht, weil er sie davon abgehalten hatte, ihre Zeichnung weiter zu verbessern.

Mit Zeichnen konnte Olivia das Leben ertragen. Nicht, dass ihr Leben schlecht gewesen wäre. Alles in allem konnte sie sich nicht beklagen, weder über ihre Familie noch über ihre Freunde. Die Lehre in der Gutenberg-Buchhandlung war nicht schlecht … Aber Olivia suchte unermüdlich nach einem Sinn in ihrem Leben. Oft träumte sie sich hinweg, weil das wahre Leben nicht ihren Vorstellungen entsprach. Also zeichnete sie – zu Hause auf ihrem Bett, in der Mittagspause in dem kleinen Aufenthaltsraum der Mitarbeiter, vorm Fernseher, am Frühstückstisch, am liebsten aber irgendwo in Mainz, um etwas von ihrer Stadt auf dem Papier festzuhalten. An der Litfaßsäule hatte sie die letzten Tage in ihrer Mittagspause immer wieder gearbeitet. Gerade eben wollte sie der Skizze den letzten Schliff verpassen.

Als der Bus anhielt, stieg sie ein, froh darüber, einen Fensterplatz im hinteren Bereich zu ergattern. Automatisch, ohne ihren Willen zu beachten, drehte sich ihr Kopf zur Seite. Er stand immer noch da. In ihrem Bauch flatterte ein Schmetterling. Schnell schaute sie wieder weg. Das kam nicht in Frage.

Benny, der Ultralinke in Werners WG, hatte ihr heute wortreich erklärt, warum die US Army eine Besatzungsarmee und die USA ein kapitalistisches Land waren. Olivia hatte seinen Ausführungen aufmerksam gelauscht, aber trotzdem nicht alles verstanden. So sehr sie auch dazu gehören wollte, die Argumentation leuchtete ihr nicht vollkommen ein, und – was noch schwieriger zu unterdrücken war – es fühlte sich so komisch an. Olivia dachte an Bert aus Tennessee, der an der Mainzer Uni zusammen mit ihrer Mutter studiert hatte und ihre Familie manchmal besuchte, an ihre Verwandten in Maryland, die ebenfalls zu Besuch kamen. Alle diese Menschen mochte sie.

Aber eine Wohngemeinschaft! In der Altstadt! Sie war in einer gewesen, hatte auf dem Boden gesessen, selbstgedrehte Zigaretten geraucht, Tee getrunken. Stapel von Spiegel-Ausgaben überall, auch auf dem kleinen Klo mit Ziehspülung, Unmengen von schmutzigem Geschirr in der Spüle, Bierkästen unter dem Küchentisch. Das nächste Mal würde sie auch an der Haschischpfeife ziehen und das Kommunistische Manifest würde sie sowieso lesen. Vielleicht konnten die Gespräche und die Atmosphäre in der WG ihre innere Leere füllen. Das war womöglich sogar noch besser als Zeichnen.

Als der Bus am Münsterplatz hielt, erregten zwei junge Mütter, die mit riesigen Kinderwagen vor dem Schaufenster des Kinderladens standen und sich unterhielten, ihre Aufmerksamkeit. Ein schönes Motiv. Ihr Blick schweifte zur fünften Etage des Gebäudes neben dem Kinderladen. Sie liebte die Reklame, die auf dem Dach angebracht war. Dort prangte in riesigen Lettern: Dujardin, in Schrägschrift und daneben: Imperial, in gerader Schrift.

Darauf einen Dujardin, ging ihr durch den Kopf. Ein glitzerndes Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit vor dem lächelnden Gesicht eines älteren Herrn. Olivia mochte die Fernsehwerbung. Als sie für einen Moment die Augen schloss, verwandelte sich das Gesicht des Mannes aus der Werbung und der GI von der Litfaßsäule lachte ihr zu. Erschrocken riss sie die Augen weit auf, setzte sich hastig gerade hin, als könnte sie sich auf diese Art und Weise disziplinieren.

Der Bus bog in die Bahnhofstraße ein. Als ihr Blick auf die Hauptpost fiel, erinnerte sie sich an die Ferngespräche in die USA, die sie früher, als sie noch klein war, zusammen mit ihrer Mutter dort geführt hatte. Was für ein Abenteuer … Jetzt fuhr der Bus an der Parfumerie Simon vorbei. Einige der Damen, die dort bedienten, sahen aus wie amerikanische Filmschauspielerinnen …

Bereits erschienen: „Calling USA“, Roman von Paula Dreyser, eine „deutsch-amerikanische“ Geschichte im Mainz der späten 70er-Jahre -überall im Buchhandel oder beim VA-Verlag

 

 

 

Amarena- oder Früchtebecher? – Der Eissalon Venezia in der Lotharpassage

Lotharpassage Mitte Ende 70er öffentlich genehmigtes Pressebild dpa

Lotharpassage in den 70ern, öffentlich genehmigtes Pressebild, dpa.

 

„Riecht hier schon etwas streng!“ Marie rümpft die Nase und eilt an der Fischküche am Beginn der Lotharpassage vorbei.

„Es stinkt bestialisch“, erklärt Dieter und grinst.

Petra ist es recht, dass ihre Eltern einen Zahn zulegen, um dem Duft zu entkommen, denn sie kann es kaum erwarten. Ihrem Vater scheint es ähnlich zu gehen. Zügig marschiert er voran, bleibt auch nicht vor dem Schaufenster mit den Briefmarken und Münzen in der Auslage stehen.

Mit einem Mal wird Petra hektisch, kommt sogar ins Laufen, würdigt auch die Schaufenster von Woolworth, diesem herrlichen Ramschladen, nicht eines Blickes, denn an einem sonnigen Samstagnachmittag im Mai wird es voll sein – im Eissalon Venezia. Das kann man sich ja wohl denken.

„Das beste Eis in Mainz und Umgebung!“, pflegt ihr Vater mit erhobenem Zeigefinger zu sagen.

„Dess Eis is es bessde fun gonns Meenz!“ So lautet das kategorische Urteil von Onkel Richard.

Recht haben sie. Das Eis vom Dolomiti ist auch nicht zu verachten. Der Dolomiti-Eissalon auf der Großen Bleiche sieht auch schöner aus und das wundervolle Schaufenster vom Juweliergeschäft Weiland befindet sich direkt nebendran. Da ist der Schmuck immer so toll dekoriert. Einmal waren sogar Wände im Schaufenster aufgestellt mit Malereien nach Art der alten Ägypter, in deren Tempeln und Pyramiden. Wie ihre Freundinnen schwärmt die elfjährige Petra für ägyptische Pharaonen und Pharaoninnen. Ihre Favoritin ist Nofretete, diese bildschöne Königin, deren Büste sie in einem Fotoband und im Geschichtsbuch ihrer Kusine, die schon in die sechste Klasse geht, gesehen hat.

„Puh.“ Ihre Mutter rümpft die Nase, als eine leichte Brise den Fischgeruch wieder heranweht.

Da flattert etwas vor Petras Füße: ein Blatt aus einer alten Zeitung. Sie erkennt die Beatles auf einem Foto und bleibt kurz stehen. Auf dem Seitenrand ist trotz des Drecks zu entziffern:  Allgemeine Zeitung … 8. Mai 1970. Um etwas von der Schlagzeile lesen zu können, muss sie sich nach vorne beugen: Trennung … letzte offizielle Beatles-LP … Ach wie blöd. Petra mag die Beatles, George Harrison ist ihr am liebsten. Aber noch lieber hört sie Michael Holm. Mendocino, Mendocino …

„Na, wo bleibt ihr denn?“ Dieter steht schon vor dem Venezia und winkt. An ihm vorbei schlüpfen mehrere Leute in den Eissalon. Jetzt gerät Petra in Panik. Früchtebecher oder Amarenabecher, geht es ihr durch den Kopf, während sie losrennt, nicht ganz so schnell, eher sachte. Es gehört sich nun mal nicht, durch die Lotharpassage zu rennen, schon gar nicht, wenn viele Leute unterwegs sind.

Ihre Mutter bleibt doch noch vor einem Geschäft mit Lederwaren stehen. Egal – Hauptsache, ihr Vater und sie sichern einen Platz. Atemlos huscht Petra hinein in den Salon. Der immer etwas grantig wirkende Besitzer schaut ernst drein. Ist wurscht! Aufatmend lässt sie sich neben ihrem Vater auf einen Stuhl fallen. Geschafft! Glücklich schauen sich beide an. Der Eissalon füllt sich schnell. Stühle werden gerückt, ein paar Worte gewechselt, Kinder lachen.

„Also, was nehmen wir?“ Vergnügt reibt Dieter sich die Hände, rückt seine Brille zurecht und sieht aus wie ein kleiner Junge. „Frucht oder Amarena?“

„Ach, ich weiß nicht!“ Petra hat Spaß an diesem Spiel. Es gehört zu dem Eissalon-Vergnügen. Tatsache ist, dass sie sich gar nicht entscheiden müssen, weil sie beide, Vater und Tochter, auf jeden Fall zwei Eisbecher verdrücken werden. Es geht eigentlich nur um die Reihenfolge. Herausgestellt hat sich, dass es besser ist, zuerst einen Amarenabecher niederzumachen und danach einen Früchtebecher zu vertilgen. Weil die Amarena-Kirschen unglaublich süß sind und das Säuerlich-Fruchtige vom Früchtebecher danach sehr gut passt. Durst kriegen sie dann sowieso und direkt nach dem Eis gibt es ja auch nichts zu trinken. Das muss dann eben ausgehalten werden.

„Ach, ihr seid ja schon sehr beschäftigt.“ Schmunzelnd tritt Marie an den Tisch heran, stellt ihre schwarze Lederhandtasche ordentlich auf einem Stuhl ab. Dann nimmt sie Platz, achtet darauf, dass ihr Kleid nicht krumpelt.

„Ich nehme den Amarenabecher.“ Dieter nickt vielsagend.

„Ich auch!“, kräht Petra.

„Ja bitte?“ Die junge Bedienung mit den tollen, langen, schwarzen Haaren ist eine ganz Freundliche. Lächelnd zückt sie ihren Block.

„Zwei Amarenabecher, bitte.“ Jetzt ist Petras Vater wieder ein ernster, gesetzter Familienvater, spricht mit tiefer Stimme.

„Für mich ein Eistürmchen“, flötet Marie und spitzt die Lippen.

Ja, das schmeckt auch gut, denkt Petra, ist aber ne viel zu kleine Portion.

Eine italienische Familie mit zwei kleinen Kindern übernimmt den Nebentisch mit lautem Gerede und viel Gestik. Die beiden Erwachsenen nicken freundlich herüber. Dann unterhalten sie sich quer durch den Raum mit dem Besitzer. Es dauert eine Weile, bis die Familie sich sortiert hat. Vor allen anderen kriegt der etwa fünfjährige Junge – ein ganz Wilder, mit Spielzeugpistole am Halfter – eine Portion Erdbeereis im Becher, mit Waffel. Sofort hält er Ruhe. Glücklich beschäftigt er sich mit seinem Eis. Nach einer Weile versucht er, seiner vielleicht zweijährigen Schwester, die, in rosa Kleid und mit rosa Haarschleife, friedlich auf dem Schoß ihrer Mutter sitzt, von dem Eis etwas einzuflößen. Am Ende schmiert er ihr den Mund voll damit, die Kleine leckt das Eis ab und kräht dabei vor Vergnügen. Das Mädchen ist im Nullkommanichts eingesaut. Die Eltern lachen.

Ach wie gemütlich, denkt Petra, bei mir wäre das nicht gegangen.

„Nicht mal ein Lätzchen“, flüstert Marie Dieter erstaunt zu.

Der schmunzelt. „Na ja …“, meint er und grinst.

Nachdem der Amarenabecher verputzt ist, ordert Dieter mit einem strahlenden Lächeln zwei Früchtebecher. Als er und Petra sich darüber hermachen, erklärt er: „Nachher gehen wir nochmal zum Fischtorplatz. Da steht die Bauhütte. Bald geht es ja los, mit dem neuen Rathaus …“

„Ach.“ Marie würde lieber die Ludwigsstraße entlangschlendern bis zum Schillerplatz und Schaufenster ansehen.

„Och.“ Petras Stimmung kippt ein klein wenig. Sie hat sich mit ihren Freundinnen zum Gummitwist verabredet. Ob das dann mit der Zeit noch hinhaut …? Na ja, so schlimm ist das Vorhaben ihres Vaters auch wieder nicht und ändern kann sie daran ja sowieso nichts…

Die Welt ist in Ordnung – im Eissalon Venezia. Das Eis schmeckt köstlich. Die Kinder halten Ruhe. Man gönnt sich und der Familie etwas.

 

Geschichten aus Mainz, früher und heute, von Paula Dreyser.

Mein GI für einen Sommer als E-Book auf Amazon / Calling USA als Taschenbuch und E-Book auf Amazon, überall im Buchhandel und beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book.

 

 

 

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Paula Dreyser stellt sich vor

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ab sofort werden regelmässig Berichte und Erinnerungen von Paula Dreyser auf http://www.echte-Meenzer.de veröffentlicht.

Profil:

Paula Dreyser ist Ethnologin und Bibliothekswissenschaftlerin. Nach einer Tätigkeit an der Johannes-Gutenberg-Universität mit Forschungsaufenthalten in Namibia übte sie verschiedene Berufe aus. Sie arbeitete als Lehrerin, betreute eine Schulbücherei, leitete Projekte in Institutionen der Familienbildung und führte ein Online-Antiquariat.

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