Der Blick auf den Dom und eine Entscheidung

(Foto aus der Sammlung Meikel Mainz)

Leseprobe aus „Calling USA“- Ende Oktober 1979

„Verlobten-Visum?“ Steffi zog die Augenbrauen nach oben. „Klingt interessant.“

„Ja, so etwas gibt es.“ Karin zog an ihrer Zigarette.

Wie konnte sie nur so entspannt sein? Lydia fand das absolut unbegreiflich.

Die drei Freundinnen saßen an diesem Samstagnachmittag im Café Dinges bei Apfelkuchen mit Sahne und Kaffee zwischen überwiegend älteren Leuten, weil Karin sich gewünscht hatte, mal etwas ganz anderes zu unternehmen.

„Boston!“ Nachdenklich kaute Steffi auf der Unterlippe. Es sah so aus, als würde sie versuchen, das Wort zu schmecken.

„Wie oft warst du dort?“ Lydia hielt sich an ihrer Kaffeetasse fest. Das Gespräch regte sie auf.

„Einmal, für drei Wochen.“ Karin strich eine kurze blonde Strähne aus ihrem Gesicht.

„Hm.“ Steffi zündete sich eine Zigarette an. „Bist du dir sicher, dass du nach Amerika …“ Sie suchte offensichtlich nach der  passenden Formulierung. „… auswandern willst?“

Lydia erschrak. Karin würde auswandern! „Alles hat so harmlos angefangen“, sagte sie. „Du gehst in die Disco, hast die ersten Dates, jede Menge Spaß.“

„Nervenkitzel und Abenteuer“, fügte Karin hinzu.

Sie lachten. Der Hauch des Verbotenen und die damit einhergehende Notwendigkeit der Geheimhaltung hatten zumindest in der ersten Zeit im amerikanischen Freundeskreis dem Ganzen noch die Würze gegeben.

„Auf einmal bist du in einer festen Beziehung und alles ist ganz anders.“ Karin seufzte.

Sie hatte ihre Entscheidung getroffen, ruhig, mutig, undramatisch. Ihre Stelle bei der Krankenkasse war zum ersten Februar gekündigt. Eine Woche später würde sie nach Boston fliegen.

„Was bedeutet dieses Verlobten-Visum?“, wollte Steffi wissen. Sie schien ernsthaft besorgt.

„Ich muss innerhalb von drei Monaten heiraten.“ Sie sah von Steffi zu Lydia. „Wenn wir es dann doch nicht wagen, komme ich eben zurück. Mein Chef hat mir schon gesagt, dass ich jederzeit wieder in seiner Abteilung einsteigen kann, und im Haus meiner Eltern gibt es immer noch mein altes Zimmer. Da könnte ich wohnen, bis ich etwas Eigenes gefunden hätte.“

Die Sicherheit, mit der Karin über ihre Zukunft sprach, versetzte Lydia einen Stich. „Hast du keine Angst?“

„Ach, wie gesagt, ich kann ja zurückkommen, selbst wenn wir heiraten und es schiefgehen sollte.“ Karin schwieg einen Moment. „Ich wollte immer mal im Ausland leben“, fügte sie dann versonnen hinzu. „Das war auch der Grund, warum ich Speditionskauffrau gelernt habe. Da verreist man zwar nicht, aber man kriegt wenigstens etwas von der Welt mit. Dass ich am Ende bei der Krankenkasse landen würde, hätte ich allerdings nicht gedacht.“

Eine Weile unterhielten sie sich noch, verließen dann das Café, um am Rhein spazieren zu gehen. Der prachtvolle Herbsttag lud dazu ein. In der Sonne verstärkten sich die Farben der Umgebung, der Straßenbelag glitzerte.

Als sie den Marktplatz betraten, den Blick auf den Dom gerichtet, der triumphierend in einen atemberaubenden Himmel emporragte, geschah etwas mit Lydia. Während Steffi und Karin unter viel Gelächter herumalberten, kämpfte Lydia mit den Tränen. Es fiel ihr schwer, den strahlenden Tag zu ertragen.

„Calling USA“ von Paula Dreyser im Buchhandel und auf Amazon, als Taschenbuch und E-Book / Lesung am 26.4.2017 im Weinhaus Michel

 

 

 

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