Extremwinter 1928/29 und 1978/79 – Eis- und Schneechaos auch in Mainz

Leseprobe aus „Calling USA“ / Foto aus der Sammlung Meikel Mainz

31.12.1978

„Hier passt bald keiner mehr rein.“

Damit lag Steffi vollkommen richtig. Gerade quetschte sich eine weitere Gruppe amerikanischer Soldaten mit ihren deutschen Freundinnen, einige mit verräterisch gläsernem Blick, in die Kochnische des Appartements im Mainz-Gonsenheim. Auf der Couch vor dem Fenster sitzend beobachteten Steffi, Lydia und Birgit seit geraumer Zeit mit steigender Faszination, wie die Besucher durch die Tür hereinquollen.

„Das ist so, als würden ungefähr zehn Leute in einen VW-Käfer steigen.“

Birgit und Steffi stimmten Lydia zu. Jedes Mal, wenn die Tür aufgemacht wurde, wehte ein Schwall eisiger Luft herein.

„Wann hatten wir denn das letzte Mal einen derart kalten Winter?“, fragte Steffi und zog ihren Schal fester um sich.

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, das der Rhein 1929 mal komplett zugefroren war“, entgegnete Lydia.

„Wow“, entfuhr es Birgit. Dann schwiegen sie eine Weile.

„Stell dir vor Steffi, Birgit und ich hatten Bedenken, dass nicht genug Leute zur Silvesterparty kommen würden.“

„Na, die Sorgen waren umsonst.“ Steffi drückte sich näher an Lydia, als ein ihnen unbekannter GI torkelte und drohte, auf sie zu fallen.

Sein Kumpel hielt ihn fest. „Sorry“, nuschelte der Mann und lachte glücklich.

Dicht gedrängt saßen die Partybesucher auf den beiden Sofas oder auf Kissen vor dem Einbauschrank. Viele standen in der Mitte des Raumes und in der Kochnische herum. Weil fast alle rauchten, biss die Luft in den Augen. Bierflaschen, Cola-Dosen und Chipstüten wurden herumgereicht.

„Hier sind ziemlich viele Leute, die ich noch nie gesehen habe.“ Wegen des Geräuschpegels brüllte Birgit fast.

Sie hielt sich wirklich gut. Clark würde in zwei Wochen die Armee verlassen. Er hatte Birgit versprochen, wiederzukommen, und sie glaubte ihm. Sie aß kaum noch etwas und rauchte viel mehr als üblich.

Lydia hingegen schwebte im sprichwörtlichen siebten Himmel. Nachdem ihr klar geworden war, dass Steve wirklich und wahrhaftig verlängert hatte, war sie aus ihrer Erstarrung erwacht. Angst und Anspannung waren von ihr abgefallen und das Leben fühlte sich völlig neu an.

„Habt ihr die alle eingeladen?“

„Nein Steffi, nicht direkt.“ Lydia grinste. „Wir haben nur überall erzählt, dass bei uns eine Party steigt.“

„Ich glaube, diejenigen, die wir nicht kennen, bringen besonders viel Zeug mit“, sagte Birgit und lachte.

Damit konnte sie recht haben. Auf der kleinen Anrichte in der Kochnische stapelten sich Getränke, Lebensmittel und Knabberzeug aus der PX.

„Alles in riesigen Verpackungen“, sinnierte Steffi.

„Und die Getränke in … Kanistern“, fügte Birgit hinzu.

Vor ihnen teilte sich die Menge. Grinsend erschienen Steve und Clark mit zwei weiteren Amerikanern, die Arme voller Bierflaschen.

„Tut mir leid, Ladys, aber wir müssen das Fenster öffnen.“ Clark zwinkerte seiner Freundin zu.

„Wieso das denn? Draußen herrschen sibirische Temperaturen“, rief Lydia entgeistert.

Steve zog die Schultern hoch. „Der Kühlschrank ist so voll, dass beim besten Willen nichts mehr hineinpasst, also lagern wir das Bier vor dem Fenster.“

Kichernd rückten Lydia und ihre Freundinnen auf einer Seite zusammen. Eiskalte Luft strömte durch das nur kurz geöffnete Fenster und ein paar Schneeflocken wirbelten herein. Ein Raunen ging durch den Raum.

„Minus fünfzehn Grad “, sagte ein Mädchen auf Deutsch und schmiegte sich an seinen Freund, mit dem es sich unmittelbar vor der Couch ein Kissen teilte, „wenn wir das Bier später wieder reinholen, können wir es lutschen.“

Steffi übersetzte die Bemerkung ins Englische. Heftige Heiterkeitsausbrüche waren die Folge.

„Neue Eiszeit! Das habe ich heute irgendwann in den Nachrichten gehört. Da ist wirklich was dran.“ Als wollte Lydia ihre Äußerung unterstreichen, verschränkte sie die Arme fest vor dem Oberkörper und zog die Schultern hoch.

„In Norddeutschland herrscht Schneechaos und das soll heute noch bei uns ankommen“, mischte sich das Mädchen von gerade eben ein. „Mal sehen, wie das heute Nacht noch wird.“

 

Was Lydia sah, als sie aufwachte, erinnerte an eine Filmszene, die den Morgen nach einer wilden, ausgelassenen Party zeigte. In der Mitte des Raumes bildeten überquellende Aschenbecher, leere Cola-Dosen und Bierflaschen ein modernes Stillleben.

Künstlerisch. Lydia dachte an ähnliche Arrangements bei der Documenta in Kassel. Hätte Beuys das so gestaltet, wäre es Kunst.

Sie kniff die Augen zusammen. Die Helligkeit schmerzte. Überrascht registrierte sie, dass der Raum geradezu glitzerte. Irritiert schaute sie sich um. Die schweren beigefarbenen Vorhänge fehlten. Vor den Fensterscheiben erstreckte sich eine durchgehend weiße Fläche bis zu den Häusern der Housing Area auf der anderen Seite der Straße, die als solche nicht mehr zu erkennen war.

Auf der Matratze unter dem Fenster hatten sich mehrere Personen in die Vorhänge eingewickelt. Die beiden Schläfer auf dem Sofa an der Wand lagen unter einer Wolldecke. Lange braune Locken quollen hervor: Clark und Birgit.

Das ist ja auch ihr Bett. Sie spürte Steves Atem an ihrem Hals. Als sie sich leicht bewegte, verstärkte er seinen Griff um ihre Taille. Er hielt sie im Schlaf fest. Lydia jubelte innerlich.

Durch die geringe Positionsänderung erhaschte sie einen Blick auf den Bereich vor dem Einbauschrank. In einem Sessel, den Lydia noch nie gesehen hatte, saß Ben, die Hände auf die Lehnen gestützt, den Kopf etwas zur Seite geneigt, tief schlafend. Über seinem Schoß war ein dicker Armee-Parka ausgebreitet.

Jemand stöhnte im Schlaf. Ein leises Schnarchen war zu vernehmen.

Lydias Kopf dröhnte, aber nicht so sehr, wie sie es erwartet hätte. Der gestrige Abend und die Hälfte der Nacht waren erwartungsgemäß feuchtfröhlich verlaufen. Um Mitternacht hatten sie nach mehreren Stürzen auf dem glatten Bürgersteig vor dem Haus Kracher und Leuchtraketen abgeschossen. Trotz klirrender Kälte, vereisten Wegen und Schneefall hatten sie unter Lachen und Johlen die Straße überquert, um mit Amerikanern aus der Housing Area auf das Neue Jahr anzustoßen, mit einem Schluck aus der Whiskeyflasche gegen die Kälte. Hingebungsvoll hatten alle Auld Lang Syne geschmettert. Irgendwann waren sie ins Appartement zurückgeschlittert. Einige hatten sich verabschiedet, die restlichen Partygäste hatten sich auf Steves Appartement und das der Nachbarn verteilt. Nach und nach waren alle da, wo sie sich gerade befanden, eingeschlafen.

Verrucht! Lydia schauderte es, aber auf eine angenehme Art.

Vorsichtig löste sie sich aus Steves Umklammerung. Grunzend drehte er sich um. Lydia fühlte sich schmutzig und benommen.

Als sie aufstand, schwankte sie leicht. Sie fröstelte, obwohl sie vollständig bekleidet war, und der kalte Rauch verschlug ihr den Atem. Hastig griff sie nach einem Sweatshirt, das auf ihrem Bett lag, und zog es über. Nach einer Weile fühlte sie sich einigermaßen stabil.

Sie schlich in die Küche, fand zwischen Schachteln, Tüten und leeren Flaschen eine volle Cola-Dose. Manchmal war Cola das beste Getränk.

Dann ging sie zur Toilette, putzte sich die Zähne und wusch ihr Gesicht. Als sie die Badezimmertür öffnete, stand Steve vor ihr, mit schiefem Grinsen und verquollenen Augen.

„Hey Babe.“

„Hey.“ Wie konnte jemand nach einer solchen Nacht noch so gut aussehen?

Er ging an ihr vorbei ins Bad. Nach einer Weile erschien er wieder, hatte sich ebenfalls etwas gerichtet und nahm jetzt einen großen Schluck Cola. „Na, wie geht es dir?“ Er nahm sie in den Arm.

Braun-grünes Schillern.

Lydia presste sich an ihn. „Gut“, hauchte sie, „ich bin ja bei dir.“

Sie spürte, dass etwas in ihm vorging. Was genau ihr diesen Eindruck vermittelte, hätte sie nicht erklären können. Sie wusste es einfach. Mit einer schnellen Bewegung zog er sie ins Bad, schloss die Tür und drückte sie vorsichtig gegen die Wand. Er stand dicht vor ihr, sein Gesicht ganz nah.

„Lydia!“, flüsterte er eindringlich.

„Ja?“ Ihr Herz raste.

„Willst du mich heiraten?“

Die Welt hörte auf, sich zu drehen. „Ja.“

Noch viele Jahre später sollten sich Lydia, Birgit und Steffi an diese Silvesterfeier erinnern. Sie waren sich einig, dass sie nie zuvor und auch nie mehr danach eine derart tolle Party erlebt hatten. Für Lydia gehörte der Neujahrsmorgen 1979 zu den glücklichsten Momenten in ihrem Leben.

Unvergesslich blieben aber auch die extremen Temperaturen am Jahreswechsel, die zunächst anhielten, im Januar in mildes Tauwetter übergingen, bevor es im Februar erneut zu einem Kälteeinbruch kam. Ein neues Wort etablierte sich allmählich im deutschen Sprachgebrauch: Klimawandel.

„Calling USA“ von Paula Dreyser überall im Buchhandel und auf Amazon.

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