April 1977: Sturm über Mainz und WG-Gespräche

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(Foto aus der Sammlung Meikel Mainz:  Linie 8 und 10, Quelle: www.drehscheibe-online.de)

Dienstag, 5.4.1977

Petra stieg aus der Acht und staunte. „Hier liegt ja immer noch Zeug rum!“ Fassungslos schüttelte sie den Kopf. Zeitungsblätter und Müll waren über den Bahnhof verstreut, nicht gerade in rauen Mengen, aber doch sehr auffällig.

„So sieht´s aus“, erklärte Michael. Zwischen seinen Lippen klebte schon wieder eine Zigarette. „Dieser Sturm vom vergangenen Sonntag hat sogar einen Baum in der Alexanderstraße entwurzelt oder abgeknickt oder sonst was. Jedenfalls rückte die Feuerwehr an und zersägte den Stamm, damit sie ihn abtransportieren konnten.“

„Ja!“ Petra erinnerte sich daran, dass sie es am Sonntagmittag in ihrem Dachgeschosszimmer nicht ausgehalten hatte, weil es ihr so vorgekommen war, als würde der Sturm das Haus zum Einsturz bringen. Dazu fiel ihr jetzt noch etwas ein. „Bei der Rheinland-Pfalz-Ausstellung im Volkspark wurden sogar Fahnenmasten abgeknickt.“

„Ja, da war richtig was los.“

Sie machten sich auf den Weg Richtung Altstadt.Petra freute sich, begann jetzt aber, vor Aufregung ein wenig zu zittern. Es war das dritte Mal, dass Michael sie mit in diese WG nahm. Völlig entgeistert hatte Petras Mutter sie gefragt, ob diese Studenten-WG  in der Neutorstraße wäre.- Nein, da war sie nicht, sondern in der Kapuzinerstraße. „Gib mir auch eine!“, forderte sie Michael auf mit Blick auf seinen Glimmstängel.

„Das ist für sechzehnjährige Schülerinnen nicht das richtige!“ Er grinste.

„Aber für zwanzigjährige Studenten schon, oder wie?“

Lachend hielt er ihr die HB-Packung hin. „Na gut, ich will mal nicht so sein. Greife lieber zu HB …“

Die gesamte Stadt sah stellenweise noch etwas verwüstet aus, besonders die Augustinerstraße. Je näher sie ihrem Ziel kamen, umso aufgeregter wurde Petra. Eine WG, linke Studenten, der ASTA …

Das Treppenhaus fand sie nach wie vor abstoßend. Von den schmutzigen, löchrigen Wänden, die schlimmer verunstaltet waren als die übelste Bahnhofs-Toilette, blätterte die Farbe ab. Es stank nach kaltem Rauch mit einer süßlichen Note. Auf dem ersten Treppenabsatz angelangt, fiel ihr Blick auf einen Satz in Rot: Andreas, Gudrun und Jan – wir sind bei Euch, gleich daneben in Schwarz: Tod dem Schah!

„Saublödes Geschmiere!“, erklärte Michael kopfschüttelnd. „Benny ist kein übler Kerl, fährt aber voll auf alles ab, was die ASTA an der Uni verbreitet.“

Na ja, du musst es ja wissen, dachte Petra. Du bist mit dem Typ aufgewachsen und befreundet. Ihr war der ultralinke Benny unheimlich. Was er so redete, konnte sie nicht nachvollziehen, so sehr sie sich auch bemühte. Aber die anderen Bewohner, Werner und Barny, mochte sie gerne. Je weiter sie nach oben stiegen, umso deutlicher hörten sie die Musik: Fly Metal Bird To Hiroshima …

Im dritten Stock hämmerte Michael an die Tür. Che Guevara blickte von einem Plakat an ihnen vorbei in die Ferne. Auf den Bierkästen, die daneben standen, stapelten sich ASTA-Broschüren.

Die Tür wurde geöffnet und Werner stand lächelnd vor ihnen. „Hi! Immer hereinspaziert.“

Im Flur stiegen sie über Matratzen mit und ohne Körper, folgten Werner zu der Tür am Ende des Ganges. Mit schwarzem Stift hatte jemand darauf geschrieben: Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund.

Werner stieß die Küchentür auf. In den Rauchschwaden saßen zwei Personen an den großen Tisch, der einmal ein Gartentisch gewesen sein musste. Sie rauchten. Spüle, Herd, Kühlschrank und der untere Teil eines Küchenschrankes waren drapiert mit Geschirr und Bierflaschen.

Wie eine Piratenspelunke in einem Film, dachte Petra amüsiert.

„Ah, die schöne, schweigsame Gymnasiastin!“

Sie spürte, wie sie rot anlief. Benny, du Depp.

„Komm, du Hübsche!“ Barny nahm einen Stapel Spiegel-Ausgaben von einem Stuhl, platzierte ihn unter dem Tisch und nickte ihr zu. Ja, Barny war nett. Klein und untersetzt, mit langen schwarzen Haaren und einem Bart, sah er aus wie ein Zwerg. Er war Politikstudent wie Benny und überzeugter Kommunist, aber ohne jede Sympathie für Gewalt.

„Ich sag’s euch, ich feiere morgen den Jahrestag der antifaschistischen Aktion gegen die amerikanischen Besatzer.“ Bennys Stimme klang undeutlich.

„Mann, das war ein feiger Bombenanschlag mit Toten“, erklärte Michael genervt, während er einen Schemel heranzog und sich drauf setzte.

„11. Mai 1972: Bomben detonieren im Hauptquartier der US Army in Frankfurt, im IG-Farben-Haus. Tote und Verletzte“, berichtete Werner, der an der Spüle herumkramte. „Das ist Scheiße!“, schob er hinterher.

„Protest ja, bisschen Sachschaden okay, Leichen nein“, stimmte Barny zu.

„Strukturen von Grund auf verändern. Gegen die Ausbeutung des Volkes“, lallte Benny.

„Persiko für alle“, erklärte Werner und knallte eine Flasche mit durchsichtiger Flüssigkeit auf den Tisch. Dann brachte er von der Spüle fünf Wassergläser.

„Oh Mann, dieses süße Teufelszeug“, stöhnte Michael.

Zustimmendes Gemunkel am Tisch. Barny tätschelte Petras Hand. Aus dem Radio Musik tönte: Hey Jude … Werner öffnete die Flasche und füllte die Gläser zu gut einem Drittel … Don´t let me down …

„Auf Ex!“, forderte Benny. Er griff sich ein Glas, hob es hoch, wackelte dabei mit dem Oberkörper. Seine Augen glänzten.

Petra tat das, was alle taten. Sie leerte ihr Glas auf einen Zug. Der Likör wärmte und regte an. Entspannt lehnte sie sich zurück. Ich schwebe über allem und beobachte, dachte sie glücklich. Ist wie Fernsehen.

Werner füllte nach. Dieses Mal nahm sie nur einen großen Schluck, Michael trank gar nichts mehr.

„Amis raus aus der Bundesrepublik!“ Ein Fauchen aus Bennys Richtung.

„Und aus Vietnam!“ War das Barny?

„Da sind sie ja nicht mehr“, sagte Michael knapp. „Solltet ihr wissen …“

„Wir müssen hier bei uns ein Zeichen setzen.“ Verträumt hob Benny sein Glas, setzte es an den Mund, merkte, dass es bereits leer war und blickte erstaunt in die Runde.

Barny füllte wieder nach, erhob dann sein eigenes Glas. „Für eine freie Welt, gegen die alten Eliten“, rief er fröhlich.

Nach zwei weiteren Schlucken, sahen alle am Tisch für Petra irgendwie aus wie Pat und Patachon, nur Michael sah aus wie Michael.

„Was meinst du damit: ein Zeichen setzen?“, fragte Werner lächelnd und knuffte Benny in die Seite.

„Milchtüten schmeißen.“ Benny rollte mit  den Augen.

„Genau! In einem Kaufhaus!“, schlug Barny vor und zog genüsslich an seiner Zigarette. „Kaufhof oder Hertie.“

„Vor dem Rathaus!“ Werner schlug sich auf die Schenkel.

Pats und Patachons!, dachte Petra. „Was redet ihr für einen Unsinn.“ Als alle sich zu ihr umdrehten, wurde ihr klar, dass sie gesprochen hatte.

Überraschtes Schweigen.

„Reaktionär, was?“, giftete Benny.

„Mach mal halblang.“ Michael warf seinem Kumpel aus dem Sandkasten einen strengen Blick zu und zeigte ihm den Vogel.

Szene aus dem neuen Romanprojekt von Paula Dreyser „Woodstock ist nicht alles …“, Veröffentlichung 2017 / Bereits veröffentlicht: Calling USA, überall im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book ; Mein GI für einen Sommer als E-Book auf Amazon

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