1976: Der Dom aus ungewohnter Perspektive und ein angesagter Schallplattenladen

Liborio Lee Palermo II, 1978

(Foto: Liborio Lee Palermo II) / Eine Leseprobe aus Calling USA

„Von hier aus sieht der Dom irgendwie ganz anders aus. Nur der West-Chor, mit Hertie und den Pavillons davor.“ Grinsend hielt Mark Lydia eine selbst gedrehte Zigarette hin.

Sie rümpfte die Nase. „Nein danke!“ Damit zog sie ihre Kool-Packung aus der Tasche und bediente sich.

Sie standen vor dem Fastnachtsbrunnen, waren im Begriff, die Ludwigstraße entlangzugehen.

„Wo genau ist dieser Schallplattenladen?“ Genüsslich blies Lydia den Rauch aus. Ihr fiel auf, dass zwei von drei Passanten, die an diesem Freitagnachmittag unterwegs waren, rauchten.

„Augustinerstraße, ziemlich am Ende, kurz vor unserem Rotlichtmilieu“, erklärte Mark vergnügt. „Dass du den Laden nicht kennst! Ich glaube, du bist die einzige Achtzehnjährige in ganz Mainz, die noch nicht dort war.“

Die Bemerkung ärgerte Lydia. „Wieso? Ich gehe halt immer zum Dornhöfer“, erklärte sie schnippisch. „Ich lese ja auch nicht regemäßig den Spiegel, obwohl ich aufs Schlossgymnasium gehe“, fügte sie hinzu. Jetzt klang sie richtig sauer.

„Na, komm!“ Lachend schlug Mark ihr ganz leicht auf die Schulter. „Immer lesse wie der Jesse, Mädel. Lass uns beim Dolomiti noch ein Eis essen. Liegt auf dem Weg.“

 

Diese LP läuft! Fasziniert starrte Lydia auf den weißen Zettel, der am Ende der Theke an die Wand geklebt war. Darunter lehnte eine Plattenhülle von Barclay James Harvest: Gone To Earth. Zu hören war gerade Friend Of Mine.

Auf der Theke reihten sich Stapel mit unterschiedlichsten Büchern aneinander. Neben einer Abhandlung über Moderne Dramaturgie glänzte das schwarze Cover von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.

Mark unterhielt sich angeregt mit dem Verkäufer hinter dem Ladentisch. Der schlanke junge Mann trug eine schwarze Lederjacke und fuhr sich mit der Hand, zwischen deren Fingern eine Zigarette klebte, ständig durch das schulterlange Haar.

In dem gut besuchten Laden waren ausschließlich junge Leute damit beschäftigt, Schallplatten und Bücher zu begutachten.

Kassetten sind hier verpönt, hatte Mark ihr beim Betreten des Ladens zugeraunt, als müsste er sie schnell noch in ein paar grundlegende Dinge einweihen.

Zwei langhaarige Mädchen mit Palästinensertuch und Peace-Button an den abgewetzten Parkas schoben sich an Lydia vorbei. Eine von ihnen griff sich ein Exemplar von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.

„Muss ich jetzt endlich lesen.“ Die Stimme des Mädchens klang erstaunlich tief und voll, obwohl Lydia sie auf höchstens sechzehn schätzte.

„Kennst du das noch nicht? Dann wird es aber Zeit.“ In der sehr hellen, noch kindlichen Stimme der anderen waren Überraschung und ein leichter Vorwurf nicht zu überhören.

„Okay Mann, dann sind wir uns einig.“ Mark sprach leise mit verschwörerischem Unterton.

Das weckte Lydias Interesse.

„Ja, alles klar“, erwiderte der Langhaarige hinter der Theke. Dann beugte er sich leicht zur Seite, um etwas unter dem Ladentisch hervorzuholen.

Nur kurz blitzte das Cover einer Langspielplatte auf, ein in blassen Farben gezeichnetes Gesicht, das Lydia bekannt vorkam. Schnell verschwand die Platte in einer Plastiktüte. Mark reichte Geldscheine über den Tisch, Wechselgeld wurde zurückgegeben. Die beiden Männer nickten sich zu.

Als sie den Laden bereits verlassen hatten und die Augustinerstraße entlangschlenderten, blieb Lydia abrupt stehen und hielt Mark am Ärmel fest.

Der sah sie fragend an. „Was ist los?“

„Jimi Hendrix! Das war doch Jimi Hendrix auf dem Cover.“

Mein GI für einen Sommer als E-Book auf Amazon / Calling USA überall im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book.

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