1976: Niedrigwasser im Rhein und Neuerungen in der EG

Lee 5 001

(Fotos von Liborio Lee Palermo II: Rheinstraße und Hilton, 1976)

Leseprobe aus dem Kurzroman Mein GI für einen Sommer von Paula Dreyser.

Die Szene spielt im August 1976. Marita, die Hauptperson, eine 18-jährige Schülerin, befreundet mit einem amerikanischen Soldaten, verbringt die Mittagszeit bis zum Nachmittagsunterricht mit ihren Schulkameraden Bettina, Mark und Volker. Sie unterhalten sich.

 

„Also gut, was machen wir jetzt?“ Fragend sah Volker in die Runde.

Gerade waren sie aus dem Allianz-Café herausgetreten und schon nahm ihnen die Sommerhitze den Atem.

„Mann, ist das heiß“, stöhnte Marita.

„Jahrhundertsommer mit Niedrigwasser im Rhein …“, erklärte Bettina.

„Das Jahr 1976 wird in die Annalen der Rheinschifffahrt eingehen. Bis vor Kurzem lag sogar der Schiffsverkehr lahm“, fügte Mark hinzu und legte seinen Arm um Bettina.

Eine Weile schwiegen sie, dünsteten vor sich hin.

„Rhein klingt aber gut“, sagte Volker schließlich und zündete sich eine seiner selbstgedrehten Zigaretten an. „Wir setzen uns unterhalb von der Rheingoldhalle oder vom Hilton auf die Treppen.

Alle nickten. Warum nicht?

Durch den Allianz-Pavillon steuerten sie zunächst auf die Anne-Frank-Schule zu.

„Komm, Marita, sag es schon!“, frotzelte Mark.

Marita und Bettina hatten beide die Anne-Frank-Realschule besucht und waren nach der Mittleren Reife aufs Schloss-Gymnasium gewechselt.

Marita tat ihrem Schulfreund den Gefallen. „Die beste Schule der Welt liegt vor euch!“ Damit wies sie auf das Schulgebäude.

„Laufen wir am Haus der Jugend vorbei oder am Senzer?“, fragte Bettina.

Senzer!“, erklärte Mark.

Lee 4 001

Am Rhein angekommen atmeten sie erleichtert auf, stellten ihre Taschen auf die Treppe und setzen sich dahin, wo Schatten war. Volker zog eine Packung Drum-Drum aus der Hirtentasche mit dem Peace-Baton hervor.

Fasziniert starrte Marita auf Volkers Finger, die den Tabak in ein Papier rollten. „Wie machst du das nur? Ich habe es noch nie geschafft, mir eine zu drehen, ohne dass die nicht sofort auseinander gefallen wäre.“

Volker saß auf der obersten Stufe der Treppe, die hinunter zum Rhein führte, und sah lächelnd zu ihr hinunter. Sie hockte eine Stufe tiefer. Wegen der Sonne blinzelte er. „Brauchst du ja auch nicht. Du kriegst deine Zigaretten doch von deinem Ami geliefert.“

„Genau.“ Betont langsam zog Marita eine Kool aus ihrem Rucksack, zündete sie an und hockte sich nach oben neben Volker.

Zwei Stufen tiefer saßen Mark und Bettina seitlich auf der Treppe und hielten sich an den Händen.

Marks freie Hand umschloss eine Bluna-Flasche, in der ein Strohhalm steckte, an dem er und seine Freundin abwechselnd zogen. „Ob ich heute Nachmittag zum Sportunterricht zurück in die Schule gehe, kann ich wirklich noch nicht sagen“, erklärte er und zog die Augenbrauen hoch.

„Ist eigentlich viel zu heiß“, stimmte Bettina zu. „Wenn ich mir vorstelle, dass wir auf diesem blöden kleinen Sportplatz direkt an der Rheinallee rumrennen, in diesen lächerlichen Sandkasten springen und uns einen abschwitzen, also dann weiß ich auch noch nicht …“ Sie fuhr sich durch ihre lockigen karottenroten Haare und zog eine Grimasse.

Marita gab ihr recht. „Ich habe dazu auch keine Lust, aber die Fehlstunden kann ich mir nicht erlauben.“

Entgeistert sah Volker sie an. „Also, da hätte ich eine Idee.“

„Sag es nicht“, würgte Marita ihn ab, „das mach ich nicht.“

„Gut.“ Volker zuckte die Achseln.

Vom Fluss her tutete es. Ein Frachter tuckerte vorbei. Das schmutziggraue Wasser schimmerte in der Sonne unter einem wolkenlosen Himmel. Zwar wehte ab und an eine leichte Brise vom Wasser herüber und sie saßen im Schatten, aber heiß war es immer noch.

„Sahara live!“ Mark wischte sich über die Stirn.

„Das war heute Vormittag überhaupt das Beste an dem Film über Kalifornien. Der Filmraum im Keller ist der absolut kühlste Ort in der Schule“, sagte Volker.

Bettina nickte zustimmend. Dann zeigte sie auf die Eisenbahnbrücke, die in einiger Entfernung zu sehen war. „Die Golden Gate Bridge!“, schwärmte sie. „Sah die nicht atemberaubend aus. Ich dachte immer, unsere Eisenbahnbrücke wäre der helle Wahnsinn, aber das ist ja gar kein Vergleich.“

Immer ist in den USA alles größer, ging es Marita durch den Kopf. Immer dasselbe. „Als ich klein war, glaubte ich, dass in dem Turm an der Eisenbahnbrücke Hexen und Zauberer wohnten. Das fand ich gruselig“, fiel ihr ein.

„Ich hatte auch Angst, weil ich mir vorgestellt habe, dass Rapunzel da drin gefangen gehalten wird.“

„Ihr Mädels!“ Mark grinste. „Wir Kerle sind da ganz anders drauf.“

Eine Weile schwiegen sie, genossen den Anblick des Flusses und der hügeligen Landschaft, die sich hinter dem gegenüberliegenden Ufer in weiter Ferne abzeichnete. Volker unterbrach die andächtige Stille mit einem herzerweichenden Seufzer. Alle lachten.

„Was ist los?“ Mark legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Mir ist gerade eingefallen, dass ich morgen in Politik ein Referat halten muss.“

„Das ist bitter“, bestätigte Mark. „Noch nichts dafür gemacht?“

„Niente!“

„Worüber denn“, fragte Marita, die in dem Fach gut war und ihm helfen wollte.

Volker stöhnte. „Die ersten allgemeinen und direkten Wahlen zum Europäischen Parlament.“

„Oh!“, entfuhr es Bettina.

„Darüber habe ich vor ein paar Wochen etwas im Spiegel gelesen“, erklärte Mark. „Dänemark, Großbritannien und Irland sind als Letzte der EG beigetreten. Und diese neuen Mitgliedsstaaten haben angeregt, direkte Wahlen durchzuführen. Anfang oder Mitte Juli wurde das dann beschlossen.“

„Was sollst du denn da schreiben?“, fragte Bettina entgeistert. „Wie es dazu gekommen ist, die Geschichte der EG oder was?“

„Ich soll mich mit der These, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit sich gut entwickelt, die politische Integration aber nur schleppend vorankommt, auseinandersetzen.“

„Boah! Schlimmer geht nimmer!“, stöhnte Mark.

Marita stimmte ihm zu. Dazu fiel ihr auch nichts ein.

 

Mein GI für einen Sommer als E-Book auf Amazon / Calling USA überall im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book.

 

Merken

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s