Vom Mainzer Dom zur Märklin-Eisenbahn

ca. 1970,2

(Fotos aus der Sammlung Meikel Mainz, Dom um 1970 / Panzer der US Army in Gonsenheim, 1945)

„Mann, dieser Dom ist der helle Wahnsinn!“ Anthony hielt die flache Hand über die Augen, um zum West-Chor hinaufzusehen.

Es rührte Marita, ihn so ergriffen und ernst zu erleben. Vom Naturell her war er eher ein Draufgänger, ein verrückter Kerl, im Prinzip so wie man sich einen amerikanischen Soldaten gemeinhin vorstellte.

„Ja“, stimmte Rick zu, „ ein tolles Bauwerk, ziemlich alt. Das hat schon was.“

„Alter!“ Anthony geriet in Fahrt. „ … die Architektur.“ Nachdrücklich nickte er. „Wie alt ist der Dom?“ Damit wandte er sich an Sophie und Marita, die hinter ihren Freunden standen und sich amüsierten.

„Oh!“ Sophie riss die Augen auf. „So um das Jahr 1000 oder so wurde der Ostteil gebaut, glaube ich.“

„Ja, ich denke, das kommt hin“, bestätigte Marita, „von Bischof Willigis.

„Dann wäre der Dom heut 976 Jahre alt.“ Anthony schien tief beeindruckt.

„Na ja, so ungefähr“, sagte Marita, „zumindest der älteste Teil, also der Ost-Chor. Wo wir jetzt draufgucken, das ist der West-Chor.“

„Hm. Cool.“ Es war eindeutig, dass Rick nicht ganz so hingerissen war wie Anthony.

„Das ist eines der aufregendsten Bauwerke, die ich bisher gesehen habe“, erklärte Anthony den beiden Mädchen. „So etwas in der Art gibt es in Albuquerque nicht.“

„So etwas in der Art gibt es in San Francisco auch nicht“, stimmte Rick zu, „aber da gibt es die Golden Gate Bridge – auch nicht so schlecht.“

Und die würde ich gerne sehen, dachte Marita im Stillen.

„Was machen wir jetzt?“ Rick holte sein Kool heraus und bot allen eine an.

Das war eine gute Frage. Sie hatten sich an diesem Mittwoch bereits am Vormittag getroffen. Die GIs hatten frei, die Mädchen Sommerferien. Lokale oder Diskotheken waren nicht geöffnet, den Spaziergang am Rhein hatten sie schon hinter sich.

„Am Münsterplatz gibt es so ein Geschäft mit Spielzeug-Eisenbahnen im Schaufenster.“ Gut gelaunt sah Anthony von einem zum anderen.

„Der Kinderladen.“ Marita war irritiert. „Was willst du denn da?“

„Eisenbahnen angucken.“ Rick gefiel die Idee. „Vielleicht haben die auch Panzer.“

„Das meint ihr jetzt nicht ernst!“ Sophie schüttelte den Kopf.

Doch – sie meinten es ernst!

 

„Die gehen doch jetzt nicht wirklich da rein?“

In der Scheibe des Schaufensters mit den Käthe-Kruse-Puppen, die an einem Tisch vor einem Spielzeugherd drapiert waren, spiegelte sich Sophies fassungsloses Gesicht.

Marita lachte. „Doch!“ Sie drehte sich zu Sophie um und fügte hinzu: „Die gehen jetzt in den Kinderladen und gucken sich Spielsachen an.“

„Autos und Eisenbahnen …“

„ … und Militärspielzeug“, ergänzte Marita.

„Kommt ihr?“ Anthony und Rick standen bereits grinsend vor dem Eingang.

 

„Sieht gut aus!“ Rick nickte anerkennend. Die große Carrera-Rennbahn auf einem Tisch, so groß wie eine Tür, gefiel ihm.

„Ich stehe mehr auf diese Eisenbahn.“ Anthony wies mit dem Kopf zu der Märklin-Eisenbahn, die daneben aufgebaut war.

Der Zug mit der glänzenden Lokomotive tuckerte gemächlich zwischen Hügeln, Häusern, Kirchen und Bäumen hindurch, verschwand kurze Zeit in Tunnels. Jungen unterschiedlichen Alters und zwei Väter verteilten sich um den Tisch – in allen Gesichtern stand die gleiche Begeisterung. Die beiden GIs stellten sich dazu.

„Was ich vermisse, sind kleine Panzer und Trucks.“ Rick deutete nacheinander auf drei Papp-Wälder und kommentierte jedes Mal. „Hier … und hier … und hier.“

„Hm, stimmt.“ Anthony nickte nachdrücklich. „Da müssten Panzer parken, M60s.“

„Mit Spielzeugsoldaten!“ Rick strahlte über das ganze Gesicht.

„Ja, Mann!“ Vor Vergnügen klatschte Anthony in die Hände.

„Gleich fangen sie an zu spielen“, sagte Sophie, die mit Marita ein paar Schritte entfernt stand.

1945, Gonsenheim

„Süß,  Marita war amüsiert, aber auch gerührt. Anthony ähnelte in diesem Moment einem kleinen Jungen, der mit seinem neuesten Spielzeug beschäftigt war

„Kann ich Ihnen helfen?“ Eine Verkäuferin in einem geblümten Sommerkleid, mit toupiertem Haar und Hornbrille war zu den beiden Amerikanern getreten. Sie wirkte sehr damenhaft, ihr Gesichtsausdruck war unergründlich.

„Oh, hello, you are very kind!“ Anthony deutete einen Diener an.

Die Dame zog die Augenbrauen hoch. Sophie unterdrückte ein Lachen und trat hinzu. Marita folgte.

„Ich übersetze“, sagte Sophie artig.

Anthony und Rick hörten aufmerksam zu, obwohl sie bereits geahnt hatten, um was es ging.

„Wir hätten gerne einen kleinen Panzer“, erklärte Anthony ernst.

Nach der Übersetzung nickte die Dame. „Kommen Sie bitte mit!“

Alle vier folgten ihr brav zu einem Regal mit einer beachtlichen Auswahl an Spielzeugpanzern und –geländewagen aus Plastik oder Metall, in verschiedenen Größen. In der Mitte der Regalwand prunkte ein Panzer in der Größe eines Schuhkartons, zusammengebaut aus Legosteinen.

Mit großer Geste wies die Verkäuferin auf die Fahrzeuge. Rick und Anthony nickten synchron, voller Anerkennung.

„Großartig! Toll!“, bemerkte Anthony auf Deutsch.

Sophie und Marita konnten sich kaum beherrschen. Ein Vater und sein Sohn betrachteten ebenfalls das Spielzeug.

„Das da ist das Modell von einem M60“, sagte der Mann eifrig auf Englisch und deutete auf einen kleinen grünen Plastikpanzer.

„Oh, ja!“ Allgemeine Begeisterung bei großen und kleinen Männern. Anthony wies auf die M60-Modelle. „Drei bitte“, sagte er zu der Verkäuferin.

Die nahm drei verpackte Modelle mit hoheitsvollem Gesichtsausdruck aus dem Regal. Der Vater und sein Sohn strahlten.

Nachdem sie im Erdgeschoss bezahlt hatten, kehrten die beiden GIs nochmals zurück zur Eisenbahn. Der kleine Junge bekam einen Panzer geschenkt. Und nachdem sie sichergestellt hatten, dass gerade niemand sie beobachtete, stellten sie einen weiteren in ein Wäldchen aus Pappe neben dem Eisenbahntunnel.

 

Geschichten und Erinnerungen von Paula Dreyser. Dieses Kapitel ist dem neuen Kurzroman „Mein GI für einen Sommer“, der Anfang August als E-Book erscheint, entnommen und wurde etwas abgeändert.

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