Lee Barracks: Amerikaner in Mainz, Teil 2

396762_3018585704979_1836849624_n

Eine Leseprobe aus dem Roman „Calling USA“

Themen: Lee Barracks. Amerikaner in Mainz. Kalter Krieg. Panzer. Cardinal Point II. Brigadegeneral John Galvin. Rodeo.

Ort: eine Wohnung in Gonsenheim

1978: Lydia ist auf dem Weg zu Steve, ihrem Freund. Er hat eine Wohnung in Gonsenheim, außerhalb der Lee Barracks. Dort angekommen findet sie einige Bekannte vor. Es entwickelt sich ein Gespräch …

 

Obwohl ungeduldig, nach Hause zu kommen, legte sie kurzentschlossen einen Abstecher zu ihrem Lieblingsimbiss in der Nähe des Bahnhofs ein. Für Ende Juli war es viel zu kühl, aber sie mochte dieses Wetter. Kurz darauf schlenderte sie vergnügt zurück zur Straßenbahnhaltestelle. Dabei aß sie ihre Pommes frites mit Ketchup. Die Cola steckte für später im Rucksack.

Als sie in Gonsenheim ausstieg, fühlte sie sich so gut wie schon lange nicht mehr. Sie hatte das Gefühl, immer leichter zu werden. Ihre Schritte beschleunigten sich von selbst. Ihr wurde flau vor Sehnsucht, als sie sich vorstellte, was Steve und sie tun könnten.

Vor der Wohnungstür angelangt hörte sie von drinnen Stimmen. Es war wie ein Sturz aus luftigen Höhen, der körperlich schmerzte.  Wut stieg in ihr hoch. Plötzlich lagen ihr die Pommes frites schwer im Magen. Sie konzentrierte sich auf die Stimmen. Es wurde immer schlimmer! Ulla und Doro, na super! Wenn schon Besuch, dann hätten es nicht diese beiden sein müssen.

Ulla ging mit Tony, einem Kameraden von Steve, der sicher auch da war. Ulla ließ keine Gelegenheit verstreichen, um zu demonstrieren, wie sehr sie ihren Tony liebte. Der Amerikaner hatte vor kurzem verlängert, um noch ein Jahr in Deutschland bleiben zu können. Danach hätte seine Freundin ihre Lehre beendet und sie würden heiraten. Die ständig zur Schau getragene innige Zweisamkeit konnte Lydia kaum aushalten. Ullas beste Freundin Doro hatte es offensichtlich auf Steve abgesehen. Darüber machte sich Lydia zwar keine ernsthaften Gedanken, aber die quirlige, kleine Blondine war ihr trotzdem ein Dorn im Auge. Missmutig schloss sie die Tür auf und sah sich ihrem lachenden Freund gegenüber, der in der Küche etwas wegräumte.

„Hey Babe.“

Warum war er nur so gut gelaunt? „Hey.“

Ulla saß seitwärts auf Tonys Schoß auf der Couch, lachte und wedelte mit einem Foto durch die Gegend. Daneben lümmelte sich Doro, über das ganze Gesicht strahlend, als hätte sie mindestens in der Lotterie gewonnen.

Lydia schaffte es kaum, die Begrüßungen zu erwidern. Aus der Stereoanlage klagte Randy Newman über Short People. „Das ist dein Lied, Lydia“, sagte Tony fröhlich.

Alle lachten. Als Lydia Steve einen vernichtenden Blick zuwarf, verging es ihm allerdings.

Bevor sie ihren Rucksack im Wandschrank verstaute, nahm sie die Cola heraus. Dann setzte sie sich neben Steve auf das Sofa.

„Wie war das noch gleich mit den Signalraketen?“ Fragend blickte Doro in die Runde. Anscheinend war gerade ein Gespräch im Gange gewesen. Die Amerikaner grinsten.

Oh, sie gibt wieder eine Show. Lydia hätte gern geschrien. Ungeduldig stieß sie Steve ihren Ellenbogen in die Seite. „Signalraketen, was ist damit?“

„Leute, die in der Nähe der Lee Barracks wohnen, haben sich beschwert, weil sie nachts von Signal- und Leuchtraketen geweckt werden“, antworte Tony an seiner Stelle. „Morgens finden sie dann die Raketenhülsen in ihren Vorgärten. Und das schon seit einigen Monaten.“

„Wer macht denn so was?“ Doro riss die blitzblauen Augen weit auf.

Lydia stellte sich vor, wie sie ihr gegen das Schienbein trat.

„General Galvin hat erklärt, dass er sich persönlich um die Angelegenheit kümmern wird.“ Jetzt neigte Steve den Kopf ein wenig und zog die Stirn in Falten.

„Was soll das heißen?“ Lydia kam nicht mit.

„Da haben sich einige GIs einen Scherz erlaubt. In deren Haut will ich jetzt nicht stecken.“ Steve gluckste vor Vergnügen.

„General Galvin?“, meldete sich Doro mit noch immer großen, runden Augen zu Wort.

„Der Standortälteste der amerikanischen Streitkräfte in Mainz, Brigadegeneral John Galvin.“ Steve schaute Doro freundlich an.

Lydia stieg die Galle hoch.

„Galvin hat auch versichert, dass diese Sache nichts mit den Vorbereitungen für Cardinal Point II zu tun hat“, fügte Tony hinzu.

400891_3018584304944_1342444849_n„Cardinal – was?“ Ruckartig richtete sich Ulla auf dem Schoß ihres Freundes auf und sah alarmiert in die Runde.

Cardinal Point II ist der Name einer NATO-Übung.” Tony nahm einen großen Schluck aus seiner Bierdose. „Du weißt doch, in einer Woche geht es wieder ins Field.“

Ulla seufzte und klammerte sich an ihn.

Ja genau, sie fahren ja bald ins Manöver. Lydia hätte am liebsten jemanden geschlagen.

Als es an der Tür klopfte, stand Steve auf, um zu öffnen.

Barry und Jim traten ein.

Wenigstens zwei vernünftige Leute, dachte Lydia dankbar und bemühte sich, zu lächeln.

Jim blieb in der Mitte des Raumes stehen. „Leute, weiß einer was von dem Typen, der beim Rodeo am vergangenen Samstag vom Stier abgeworfen wurde?“ Jetzt ließ er sich neben Lydia auf die Couch fallen, Barry setzte sich zu Doro.

Lydia bildete sich ein, dass Doro ihr einen triumphierenden Blick zuwarf, als würde sie sagen: Siehst du, der schöne Barry setzt sich zu mir! Es gab keinen Zweifel, Doro konkurrierte mit ihr.

Keiner wusste Näheres über den verunglückten Reiter.

„Das Rodeo war echt toll“, jubelte Doro und strahlte wie die Südzucker-Susie aus der Werbung.

Fehlt nur noch, dass sie in die Hände klatscht! Lydia spürte, wie sie endgültig die Kontrolle über ihre Gesichtszüge verlor. Sie fühlte sich wie das HB-Männchen aus der Zigarettenwerbung. Steve stieß sie mit dem Ellenbogen sachte in die Seite.

„Du guckst, als würdest du dich vor Ekel gleich übergeben. Entspann dich!“ Seine Stimme klang sanft, allerdings war ein leicht genervter Unterton herauszuhören.

Sie verkniff sich eine bissige Bemerkung, kämpfte gegen mehrere aufeinanderfolgende Wallungen und nahm sich vor, für den Rest des Abends einfach den Mund zu halten.

„Mit der Technik hat es ja am Anfang nicht geklappt“, sagte Barry gerade. „Statt Folkmusik hörte man manchmal AFN oder so einen deutschen Rundfunksender.“

„Ja, aber es war echt süß, wie die Cowboys dastanden und ihren Hut mit angewinkeltem Arm aufs Herz drückten, um die Nationalhymne mitzusingen.“

Ullas gute Laune tat Lydia körperlich weh. Als süß würde ich es nicht bezeichnen. Aber Lydia musste Ulla recht geben. Auch sie erinnerte sich gut daran, wie ergriffen die Amerikaner mitgesungen hatten, nachdem das Rodeo mit Verspätung endlich eröffnet worden war, während die Deutschen, sie inbegriffen, wie gewöhnlich etwas verschämt und verhalten auf das Abspielen ihrer eigenen Nationalhymne reagiert hatten.

„Ja, wie schon gesagt, übernächsten Samstag feiere ich meinen Geburtstag.“ Hingebungsvoll streichelte Ulla ihrem Freund über den Kopf.

Lächerlich, dachte Lydia, affig!

„Da gebe ich eine Party“, fuhr Ulla fort. Lächelnd wandte sie sich Lydia zu. „Wenn du Zeit hast, kannst du gern kommen.“ Etwas Lauerndes lag in ihrem Blick.

Kein Zweifel, die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit.

„Dass ich auch kommen darf, ist sehr großzügig.“

„Wäre wirklich schade, wenn du arbeiten müsstest.“ Doro machte ein mitfühlendes Gesicht. „Steve hat schon zugesagt.“

Steve hörte seinen Namen, sah auf und grinste.

Nur mühsam schaffte es Lydia, ihre Miene zu beherrschen.

„Am nächsten Samstagvormittag haben Doro und ich ein Handballspiel in Finthen.“

Es geht noch weiter! Lydia stöhnte innerlich.

„Tony sieht natürlich zu.“ Wieder ein verliebter Blick. „Steve kommt auch.“

Später machte Lydia Steve so lang die Hölle heiß, bis er hoch und heilig versprach, sich das Handballspiel nicht anzusehen.

 

Fotos: Liborio Lee Palermo II

Calling USA von Paula Dreyser überall im Buchhandel, beim VA-Verlag und bei Amazon, dort auch als E-Book. Im August erscheint der erste Titel der „Kleinen E-Book-Reihe“ – Kurzromane aus dem deutsch-amerikanischen Milieu der 60er-,70er- und 80er-Jahre.

Merken

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s